Massiver Beschuss auf Ukraine: G7 kündigen Vergeltung für Putins „Kriegsverbrechen“ an

+++ Erneute Explosionen am Dienstag +++ Zahl der Todesopfer gestiegen +++ G7 wollen Putin zur Rechenschaft ziehen +++ Selenskyj bittet um Schutzschirm gegen russische Raketen +++ Alle Infos im Newsblog +++

Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen, ein brennendes Auto nach einem Raketenangriff zu löschen. 
Einsatzkräfte der Feuerwehr versuchen, ein brennendes Auto nach einem Raketenangriff zu löschen. AP/Roman Hrytsyna
Das Wichtigste zu den schweren Angriffen auf Kiew und andere Städte:
  • Am Dienstag erneute Angriffe auf Kiew und weitere ukrainische Gebiete
  • Kiew spricht von 19 Toten und über 100 Verletzten
  • G7 wollen Putin für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen
  • Präsident Wolodymyr Selenskyj wirft Russland gezielte Angriffe auf Zivilbevölkerung und Energieanlagen vor
  • Putin sieht strategische „Ziele erreicht“ und droht mit starker Antwort auf weitere ukrainische Angriffe
  • Teile des deutschen Konsulats in Kiew getroffen
  • Bundesaußenministerin Baerbock sichert Ukraine Hilfe bei Luftabwehr zu
  • Die USA gehen davon aus, dass die russische Attacke länger vorbereitet war

Dienstag, 11. Oktober

G7 wollen Putin für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft ziehen

Bei ihrer Sonderberatung am Dienstag haben die sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächte die jüngsten russischen Raketenangriffe auf die Ukraine aufs Schärfste verurteilt. Zudem sicherten die G7 den ukrainischen Streitkräften weitere militärische Unterstützung zu.

Nach einer Videokonferenz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erinnerten die Staats- und Regierungschefs der G7 am Dienstag in einer gemeinsamen Erklärung daran, dass „wahllose Angriffe auf unschuldige Zivilisten ein Kriegsverbrechen“ darstellten. „Wir werden Präsident Putin und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen“, hieß es mit Blick auf den Kremlchef. Zudem drohten die Vertreter mit weiteren Sanktionen gegen Einzelpersonen und Institutionen innerhalb und außerhalb des Landes, die den Angriffskrieg politisch oder wirtschaftlich unterstützten.

Weiter verurteilten die G7 auch die „illegal versuchte Annexion“ von vier ukrainischen Regionen durch Russland. Die Staats- und Regierungschefs bekräftigten, dass sie diese Annexion nie anerkennen würden. Putin hatte die besetzten ukrainischen Gebiete Luhansk, Donezk, Cherson und Saporischschja zuletzt zu russischem Staatsgebiet erklärt, nachdem in dort durchgeführten Scheinreferenden – wenig überraschend – einem Beitritt zu Russland zugestimmt worden war.

Selenskyj bittet G7-Staaten um Schutzschirm gegen russische Raketen

Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj hat die G7-Staaten aufgefordert, die Ukraine beim Aufbau eines Luftabwehrsystems gegen russische Raketen zu unterstützen. Selenskyj wandte sich am Dienstag in einer Videokonferenz an die Staats- und Regierungschefs der G7-Staaten und rief sie auf, ihre Anstrengungen zu verstärken und „finanziell beim Aufbau eines Schutzschirms für die Ukraine zu helfen“.

„Millionen Menschen werden den G7 dankbar sein für eine solche Hilfe“, sagte der ukrainische Präsident. Russland hatte am Montag landesweit ukrainische Städte bombardiert und dabei vor allem auf die Infrastruktur zur Energieversorgung gezielt. Selenskyj sagte weiter, der russische Staatschef Wladimir Putin könne die Situation noch weiter eskalieren. „Der russische Anführer, der am Ende seiner Herrschaft angelangt ist, hat noch die Möglichkeiten für weitere Eskalation“, warnte Selenskyj. Dies sei „eine Gefahr für uns alle“.

Die G7-Staats- und Regierungschefs kamen wegen der jüngsten russischen Angriffsserie am Dienstag zu Sonderberatungen in einer Videokonferenz zusammen. Deutschland hat in diesem Jahr den Vorsitz unter den G7-Staaten inne. Zu ihnen gehören auch Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada und die USA.

Ukraine erneut unter massivem Beschuss

Russland hat den massiven Beschuss der Ukraine mit Raketen und Kampfdrohnen am Dienstagmorgen fortgesetzt. Angriffe habe es ukrainischen Behörden zufolge in Saporischschja im Süden des Landes, in den Gebieten Chmelnyzkyj und Dnipropetrowsk sowie in der Umgebung der Hauptstadt Kiew gegeben. Auch in der Stadt selbst kam es zu Luftalarm. Die Bevölkerung sei dazu angehalten, in Kellern und Bunkern Schutz zu suchen. 

Kremlnahe russische Militärblogger bestätigten den erneuten schweren Beschuss der Ukraine. Mindestens 20 Raketen sind ukrainischen Medien zufolge am Dienstagmorgen eingeschlagen. Bei den schweren Attacken am Montag seien insgesamt etwa 80 russische Geschosse abgefeuert worden. Viele seien jedoch durch die Luftabwehr abgewendet worden. 

Nach russischem Raketenbeschuss: 19 Tote, über 100 Verletzte

Nach den schweren russischen Raketenangriffen auf mehrere Gebiete in der Ukraine ist die Zahl der Todesopfer auf 19 gestiegen, wie die ukrainischen Zivilschutzbehörden am Dienstag in Kiew mitteilten. Zudem gebe es nach derzeitigem Wissensstand über 100 Verletzte in den betroffenen Regionen. Es handele sich dabei um vorläufige Zahlen.

In der Landeshauptstadt und zwölf weiteren Gebieten waren am Montag vielerorts russische Raketen eingeschlagen, teils in zivilen Wohngebieten ohne militärische Relevanz. Zudem hatte der Kreml offenbar gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine attackiert. So seien nach Angriffen auf Wärmekraftwerke und Umspannwerke noch immer etwa 300 Ortschaften ohne Strom, hieß es in der Bilanz am Dienstagmorgen.

Strack-Zimmermann fordert materielle Unterstützung: „Mit Putin kann man nicht verhandeln“

Für die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann belegen die russischen Raketenangriffe auf ukrainische Städte, dass ein Kriegsende nicht am Verhandlungstisch zu erzielen ist. „Mit Russland unter Putin und seinen Getreuen kann man nicht verhandeln“, sagte die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses am Dienstag in Berlin der Deutschen Presse-Agentur. „Das haben die mörderischen Raketenangriffe dieser Terrorbande mitten im Herzen von Kiew und auf andere Städte gezeigt.“ Das Ende des Krieges werde nur mit materieller Unterstützung der Ukraine erreicht.

Es sei ein gutes Zeichen, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) der Ukraine Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes zugesagt habe, sagte die Politikerin, die vergangene Woche im Kiew war. „Der Winter steht vor der Tür und alles wird gebraucht, damit sich die Ukraine wappnen kann. Von Ausrüstung für die kalten Monate über Munition und Artillerie. Für die Südflanke braucht die Ukraine aber in erster Linie Kampfpanzer“, betonte Strack-Zimmermann.

Während die Ukraine vor allem den Kampfpanzer Leopard 2 wünsche, sei sie auch für Lieferungen des Schützenpanzers Marder sehr dankbar. Strack-Zimmermann: „Der Marder wäre die aktuell schnellste Lösung.“ Die Bundeswehr könnte sofort mindestens 50 Marder liefern und die Ausbildung in Deutschland anbieten, wie Strack-Zimmermann sagte. „Die Industrie könnte der Bundeswehr die Marder innerhalb eines Jahres ersetzen.“

Strack-Zimmermann forderte, gleichzeitig müsse „ernsthaft über das Angebot Spaniens gesprochen werden, ukrainische Soldaten am Kampfpanzer Leopard in Lettland auszubilden“. Sie sagte: „Dafür braucht es die deutsche Genehmigung. Wir dürfen keiner Hilfe im Weg stehen.“

USA: Attacke womöglich von langer Hand geplant

Wie Medien übereinstimmend berichten, geht die amerikanische Regierung in Washington davon aus, dass die russische Attacke länger vorbereitet war. „Es war eher schon seit geraumer Zeit geplant. Das heißt nicht, dass die Explosion auf der Krimbrücke ihre Planung nicht beschleunigt haben könnte“, erklärte John Kirby, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, gegenüber dem Nachrichtensender CNN.

Selenskyj: „Ukraine lässt sich nicht einschüchtern“

Nach den schweren russischen Raketenangriffen auf viele Großstädte der Ukraine hat Präsident Wolodymyr Selenskyj den Widerstandswillen seines Landes betont. „Die Ukraine lässt sich nicht einschüchtern, sie lässt sich nur noch mehr vereinen“, sagte er in seiner abendlichen Videoansprache am Montag in Kiew. Bei den Angriffen wurden nach Angaben des ukrainischen Innenministeriums vom Abend landesweit 14 Menschen getötet und fast 100 verletzt.

Angesichts der von Russlands Präsident Wladimir Putin angeordneten Eskalation des Angriffskrieges versuchte die Ukraine, weitere internationale Hilfe zu mobilisieren. Selenskyj sprach mit US-Präsident Joe Biden, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und anderen westlichen Spitzenpolitikern. Bei den UN forderte die Ukraine die Weltgemeinschaft auf, die jüngste völkerrechtswidrige Annexion ihrer Gebiete im Süden und Osten durch Russland zu verurteilen.

Die Siebenergruppe führender westlicher Industriestaaten (G7) will am Dienstag in einer Videokonferenz über die verschärften russischen Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine beraten. Für das angegriffene Land ist es der 230. Kriegstag.

Selenskyj filmt auf offener Straße in Kiew und zeigt Verwüstung

„Die Besatzer können uns auf dem Schlachtfeld nicht entgegentreten und deshalb greifen sie zu diesem Terror“, sagte Selenskyj zu den Angriffen. Sein abendliches Video wurde nicht, wie sonst üblich, im Präsidialamt aufgezeichnet. Der Staatschef stand nach eigenen Angaben an einer beschädigten Straßenkreuzung nahe der Universität von Kiew. Hinter ihm waren Bagger, Lastwagen und anderes Räumgerät zu sehen.

In vielen Städten seien die kommunalen Dienste dabei, die unterbrochene Strom- und Wasserversorgung zu reparieren, sagte Selenskyj. Er rief die Bevölkerung auf, möglichst keine Geräte mit großem Verbrauch zu nutzen. „Je mehr Ukrainer Strom sparen, desto stabiler funktioniert das Netz.“ In der Hauptstadt fiel der Verbrauch nach Angaben des Versorgers Ukrenergo tatsächlich um gut ein Viertel niedriger aus als sonst an einem Herbstabend. Die Kiewer Polizei verstärkte in der Nacht zum Dienstag ihre Patrouillen.

Putin nannte den Raketenbeschuss eine Reaktion auf angebliche ukrainische Angriffe gegen russisches Gebiet. Am Samstag hatte eine Explosion die 19 Kilometer lange Brücke erschüttert, die Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeerhalbinsel Krim verbindet.

Montag, 10. Oktober

Biden verspricht „fortschrittliche Luftabwehrsysteme“ gegen Russlands Angriffe

US-Präsident Joe Biden hat der Ukraine angesichts der massiven russischen Luftangriffe fortdauernde Unterstützung zugesagt - darunter auch weitere moderne Luftabwehrsysteme. Biden habe dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj in einem Telefonat versichert, der Ukraine weiterhin die Unterstützung zukommen zu lassen, die das Land für seine Verteidigung benötige, teilte das Weiße Haus am Montag mit.

Bei den Rüstungslieferungen habe Flugabwehr derzeit die höchste Priorität, betonte auch Selenskyj. Die USA sollten auch Führung zeigen bei einer harten Haltung der Siebenergruppe wichtiger Industriestaaten (G7) und bei Unterstützung für eine Verurteilung Russlands durch die Vollversammlung der Vereinten Nationen, schrieb der ukrainische Staatschef nach dem Gespräch auf Twitter.

In seinem abendlichen Video listete Selenskyj alle Gespräche mit internationalen Partnern vom Montag wegen der Raketenangriffe auf. Er habe mit Bundeskanzler Olaf Scholz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Polens Staatschef Andrzej Duda und UN-Generalsekretär Antonio Guterres gesprochen. Weitere Gespräche gab es mit den Regierungschefs Justin Trudeau (Kanada), Mark Rutte (Niederlande) und Liz Truss (Großbritannien). Durch die russischen Angriffe auf viele ukrainische Großstädte sind nach Angaben des Innenministeriums 14 Menschen getötet und knapp 100 verletzt worden.

Kiew: Spielplatz bei Raketenangriff getroffen

Nach den schweren Raketenangriffen auf Kiew und weitere Gebiete steht die ukrainische Bevölkerung unter Schock. Mit den Angriffen reagierte der russische Präsident Wladimir Putin auf die Explosion auf der strategisch wichtigen Krim-Brücke. Der Kreml machte nach eigenen Angaben die Ukraine für den „Terrorakt“ verantwortlich.

Russland hatte mehr als 80 Raketen auf Kiew und andere Städte in der Ukraine gefeuert. Bei den Angriffen am Montagmorgen wurden mindestens elf Menschen landesweit getötet und mehr als 80 verletzt, wie der ukrainische Zivilschutz mitteilte. Allein in Kiew kamen nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko fünf Menschen ums Leben, 52 wurden verletzt. Viele Menschen waren gerade auf dem Weg zur Arbeit.

Obwohl Moskau durch den Beschuss wohl vor allem die Energieversorgung in dem Land attackieren wollte, vermeldet die Führung in Kiew auch immer mehr zivile Opfer. So seien auf einem Spielplatz im Taras-Schewtschenko-Park – einst eine wohlhabende Wohngegend der ukrainischen Hauptstadt – am Montagmorgen zwei Raketen eingeschlagen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Zahlreiche umliegende Gebäude seien zerstört worden.

„Wir verstanden erst nicht, was passiert war“, erzählte eine Anwohnerin von den Explosionen. „Wir sahen den Rauch, die Autos und dann merkten wir, dass wir keine Fenster mehr hatten.“ Die 39-Jährige kann nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet Wohnviertel wie dieses attackiert würden. „Es gibt hier eine Universität, zwei Museen, aber keine militärischen Ziele oder dergleichen. Sie töten einfach nur Zivilisten.“ Bei den Raketeneinschlägen am Montagmorgen handelte es sich um die ersten Angriffe auf Kiew seit dem 26. Juni.

Angriffe auf Energieversorgung: Kiew ruft zum Stromsparen auf

Die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur in der Ukraine haben offenbar ihre strategische Zielsetzung erfüllt. Die ukrainische Bevölkerung sei nun zum Stromsparen angehalten, teilte der stellvertretende Chef des Präsidialbüros, Kyrylo Tymoschenko, am Montag auf seinem Telegram-Kanal mit. Ansonsten drohe in einigen Gebieten die teilweise oder vollständige Abschaltung der Stromversorgung.

Andrij Herus, Vertreter von Präsident Selenskyj, warnte derweil vor einem „der schwersten Abende“ für die ukrainische Energieversorgung. Je mehr Strom die Bürger selbst sparten, umso eher könnten jedoch großflächige Abschaltungen vermieden werden, erklärte Herus. Vorerst müsse die Bevölkerung demnach ohne Geräte wie Elektroheizungen, Herdplatten oder Mikrowellen auskommen. Die jüngste Raketenoffensive des Kremls hatte dabei offenbar genau dies zum Ziel. So meldete Kiew unter anderem den Beschuss eines wichtigen Wärmekraftwerks. Auch in anderen Regionen kam es zu gezielten Angriffen auf Kraft- und Umspannwerke.

Nach Raketenangriffen: Russland sieht „Ziel erreicht“

Das russische Verteidigungsministerium hat die massiven Raketenangriffe auf Kiew und andere ukrainische Großstädte als Erfolg bezeichnet. „Das Ziel des Schlags wurde erreicht. Alle benannten Ziele wurden getroffen“, erklärte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Montag.

Vor allem Objekte der Energieinfrastruktur seien getroffen worden, hieß es. Weil die Raketen teilweise auch den Luftraum der zwischen der Ukraine und Rumänien gelegenen Ex-Sowjetrepublik Moldau überflogen haben, hat das moldauische Außenministerium den russischen Botschafter einbestellt.

Von der Leyen: Putins Russland steht für Brutalität und Terror

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat sich entsetzt über die jüngsten russischen Angriffe auf zahlreiche Städte in der Ukraine gezeigt. „Putins Russland hat der Welt erneut gezeigt, wofür es steht: Brutalität und Terror“, schrieb die deutsche Politikerin am Montag auf Twitter. Sie wisse, dass die Ukrainer stark bleiben würden, ergänzte sie. Zudem bekräftigte von der Leyen, dass man der Ukraine so lange zur Seite stehen werde, wie dies nötig sei. „Mit allen Mitteln, die wir haben.“ Zudem drückte sie in einer Videobotschaft, die in Narwa in Estland nahe der russischen Grenze aufgezeichnet wurde, ihr Mitgefühl für die Opfer der Angriffe aus.

Bundesregierung sichert Ukraine Unterstützung zu

Die Bundesregierung und viele andere Staaten sicherten der Ukraine neue Unterstützung zu. Kanzler Olaf Scholz (SPD) telefonierte nach dem Angriff mit Selenskyj und versprach die Solidarität Deutschlands und der anderen G7-Staaten.

Außerdem hat Bundesaußenministerin Annalena Baerbock Kiew schnelle Hilfe bei der Luftverteidigung versprochen. „Wir tun alles, um die ukrainische Luftverteidigung schnell zu verstärken“, schrieb die Grünen-Politikerin am Montag auf Twitter. Sie sprach mit Blick auf das russische Raketenfeuer von Menschen in Todesangst im Kiewer Morgenverkehr und einem Einschlagskrater neben einem Spielplatz und sagte: „Es ist niederträchtig und durch nichts zu rechtfertigen, dass Putin Großstädte und Zivilisten mit Raketen beschießt.“

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte zuvor ihre vor eineinhalb Wochen in Odessa gemachte Ankündigung bekräftigt: „In den nächsten Tagen steht das erste von vier hochmodernen Iris-T SLM Luftverteidigungssystemen zum wirksamen Schutz für die Menschen in der Ukraine bereit.“

Melnyk: „Terrorstaat Russland muss eliminiert werden“

Der von Selenskyj abberufene deutsche Diplomat Andrij Melnyk schrieb auf Twitter neben einem Appell an den Bundeskanzler Olaf Scholz – die Ukraine warte noch auf eine Reaktion Deutschlands – auch persönliche Worte. Der Lieblingsspielplatz seiner Tochter liege nach russischen Angriffen in Trümmern. Zuvor hatte Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Mitglied des FDP-Bundesvorstandes, eine Aufnahme aus Kiew geteilt und ihr Bedauern über die Angriffe ausgedrückt. Zudem hieß es in dem Tweet: „Dieser Terrorstaat Russland muss eliminiert werden.“

Luftalarm in Kiew nach mehr als fünfeinhalb Stunden aufgehoben

Der Militärgouverneur der Region Dnipropetrowsk, Walentyn Resnitschenko, sprach von einem „massiven Raketenangriff auf das Gebiet“ und klagte über Tote und Verletzte. In vielen Regionen ist der Strom, in einigen die Heizung und die Wasserversorgung ausgefallen.

Nach russischen Raketenangriffen ist der Luftalarm in der ukrainischen Hauptstadt Kiew nach mehr als fünfeinhalb Stunden aufgehoben worden. Eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur im Zentrum der Metropole berichtete am Montag, dass Menschen die Keller verließen und auf den Straßen wieder Fußgänger zu sehen seien.

Nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko wurde der Verkehr auf allen U-Bahn-Linien der Hauptstadt vorerst wieder aufgenommen. Er rief die Bewohner aber zur Vorsicht auf. „Fahren Sie heute nicht ohne Not in die Stadt“, teilte er bei Telegram mit. „Ich erinnere Sie auch daran, dass U-Bahn-Stationen auch als Schutzräume funktionieren.“

Klitschko zufolge ist die Stromversorgung nach den Angriffen teilweise auf Industriekunden und einen Teil der Haushalte in Kiew beschränkt. „Die Energieversorger unternehmen zusammen mit den Rettungsdiensten alles, um den normalen Betrieb des Stromnetzes so schnell wie möglich wiederherzustellen.“

Ukrainischen Medien zufolge soll der Luftalarm mit fünf Stunden und 37 Minuten der längste seit Kriegsbeginn am 24. Februar gewesen sein. 

In den nächsten Tagen: Ukraine soll hochmodernes deutsches Luftabwehrsystem erhalten

Die Ukraine soll in Kürze das erste hochmoderne Luftverteidigungssystem aus Deutschland bekommen. Der jüngste Raketenbeschuss auf Kiew und andere Städte mache deutlich, „wie wichtig die schnelle Lieferung“ dieser Abwehrwaffen sei, erklärte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) am Montag. „Russlands Angriffe mit Raketen und Drohnen terrorisieren vor allem die Zivilbevölkerung.“ Das erste von insgesamt vier zugesagten Exemplaren des Luftverteidigungssystems Iris-T SLM werde „in den nächsten Tagen“ bereitgestellt.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums wollte sich aber noch nicht auf einen konkreten Liefertermin festlegen. Hier sei das Ministerium „sehr zurückhaltend“, weil Waffenlieferungen auch auf dem Weg in die Ukraine abgefangen und zerstört werden könnten, sagte er. Zudem müsse noch Personal aus der Ukraine an dem System ausgebildet werden. Dieses solle „in den allernächsten Tagen und Wochen“ geschult werden.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte das System schon Anfang Juni zugesichert. Es kann zur Abwehr von anfliegenden Raketen in einer Höhe von bis zu 20 Kilometern und in einer Entfernung von bis zu 40 Kilometern eingesetzt werden. Scholz zufolge ist es mit dem Abwehrsystem möglich, „eine ganze Großstadt vor russischen Luftangriffen“ zu schützen. Die Bundeswehr verfügt nicht über dieses System, Iris-T SLM wird vom deutschen Hersteller Diehl geliefert.

Putin droht mit härterer Antwort auf weitere ukrainische Angriffe

Der russische Präsident Wladimir Putin nannte den Angriff eine Reaktion auf die „Terroranschläge“ gegen russisches Gebiet. Am Samstag hatte eine Explosion die 19 Kilometer lange Kertsch-Brücke erschüttert, die Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim verbindet. Putin machte am Sonntag den ukrainischen Geheimdienst SBU dafür verantwortlich.

Für den Fall weiterer ukrainischer Angriffe auf Russland hat Putin mit einer harten Reaktion gedroht. „Wenn die Versuche terroristischer Anschläge auf unser Gebiet fortgesetzt werden, werden die Antworten Russlands heftig ausfallen und in ihrem Ausmaß dem Niveau der Bedrohungen entsprechen“, sagte Putin am Montag zum Beginn der im Fernsehen übertragenen Sitzung des nationalen Sicherheitsrates.

Ukraine weist Putins Terrorvorwürfe kategorisch zurück

Die Ukraine machte einmal mehr deutlich, dass nicht sie Russland provoziere, sondern Moskau einen Krieg gegen das in die EU und Nato strebenden Land führe. „Nein, Putin wurde nicht von der Krim-Brücke zum Raketenterror „provoziert““, teilte Außenminister Dmytro Kuleba per Twitter mit. „Russland hatte die Ukraine auch vor der Brücke ständig mit Raketen getroffen. Putin ist verzweifelt wegen der Niederlagen auf dem Schlachtfeld und versucht mit Raketenterror, das Kriegstempo zu seinen Gunsten zu ändern.“

Die Brücke zur Krim ist auch als Nachschubroute für den russischen Angriffskrieg wichtig, weil von dort aus die Truppen im Süden der Ukraine im Gebiet Cherson und Saporischschja versorgt werden. Das Bauwerk hat zudem einen hohen symbolischen Wert für die Führung in Moskau. Sie ist aber auch Lebensader für die Menschen auf der Halbinsel, die elementare Dinge wie Lebensmittel und Treibstoff erhalten. Der Verkehr über die Brücke, die einen Eisenbahn- und einen Autobahnteil hat, lief am Montag wieder weitgehend.

Putin hatte den Angriff auf die Ukraine am 24. Februar befohlen. Der Krieg dauert nun bald acht Monate. Zugleich versuchte der Kremlchef die alleinige Verantwortung für das Blutvergießen von sich zu weisen. Er habe mit den Massenbombardements einen Vorschlag der Militärführung umgesetzt. Das Verteidigungsministerium stand bei Feldkommandeuren, kremlnahen Militärbloggern und Ultranationalen in der Kritik, zu zögerlich vorzugehen in der Ukraine.

Lukaschenko will gemeinsame Truppen mit Russland aufstellen

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hat angekündigt, gemeinsam mit Russland Streitkräfte aus seinem Land in die Ukraine zu schicken. Damit würde Belarus mit in den Krieg eintreten. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP am Montag.

Selenskyj: „Wir haben es mit Terroristen zu tun“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland vorgeworfen, bei seinen Raketenangriffen auf Kiew und andere ukrainische Großstädte auf die Zivilbevölkerung und Energieanlagen zu zielen. „Wir haben es mit Terroristen zu tun“, teilte Selenskyj am Montag bei Telegram mit. „Sie wollen Panik und Chaos, sie wollen unser Energieversorgungssystem zerstören.“ „Die ganze Welt sah nun wieder das wahre Gesicht eines Terrorstaates, der unsere Menschen tötet“, sagte Selenskyj.

Dutzende Raketen und iranische Drohnen seien auf Energieanlagen im ganzen Land abgefeuert worden, darunter auch auf Gebiete in der Westukraine, schrieb Selenskyj weiter. Das zweite Ziel seien Menschen. „Sie haben speziell eine solche Uhrzeit und solche Ziele gewählt, um so viel Schaden wie möglich anzurichten.“ Selenskyj rief die Zivilbevölkerung in seinem Land auf, in den Luftschutzräumen zu bleiben und sich an die Sicherheitsregeln zu halten.

Polizei: Fünf Tote, 52 Verletzte

Allein in Kiew kamen nach Angaben von Bürgermeister Witali Klitschko fünf Menschen ums Leben, 52 wurden verletzt. Betroffen waren unter anderem auch die Städte Dnipro, Saporischschja und Krywyj Rih im Osten sowie Lwiw, Chemelnyzkyj und Schyytomyr im Westen oder Mykolajiw im Süden des Landes. Der Großteil der Angriffe habe das Stadtzentrum Kiews getroffen.

Zuvor hatte der Vizechef des russischen Sicherheitsrats, Dmitri Medwedew, der Ukraine Vergeltung für die Explosion auf der für Russland strategisch wichtigen Krim-Brücke am Samstag angedroht. Kremlchef Wladimir Putin hatte am Sonntag von einem „Terroranschlag“ auf die Brücke gesprochen und – wie Medien in Kiew – den ukrainischen Geheimdienst SBU verantwortlich gemacht. Bestätigt hatte der SBU eine Beteiligung aber nicht.

Deutsches Konsulat in Kiew offenbar getroffen

Die Visastelle des deutschen Konsulats in Kiew soll laut Berichten bei dem Angriff getroffen worden sein. Der ehemalige Vorsitzende der Böll-Stiftung in Kiew, Sergej Sumlenny, teilte am Montag auf Twitter mehrere Bilder, die das beschädigte Gebäude zeigen sollen. Zudem fragte er nach einer Reaktion von Bundeskanzler Olaf Scholz sowie Außenministerin Annalena Baerbock und schieb: „Wollen Sie vielleicht ein paar Leopard-Panzer schicken, um die Lage vor Ort zu checken?“

Moskau drohte mehrmals, Kiew ins Visier zu nehmen

Die SBU-Zentrale liegt im Stadtzentrum in Kiew. Die Machtzentrale in Moskau hatte wiederholt gedroht, Kommandostellen in der ukrainischen Hauptstadt ins Visier zu nehmen, wenn der Beschuss russischen Gebiets nicht aufhöre. Kiew ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs bereits mehrfach von russischen Raketen getroffen worden. Es war der schwerste Vorfall dieser Art und der erste Angriff auf die Stadt seit Monaten.

„Eine der Raketen ist beim Gruschewski-Denkmal in der Wolodymyr-Straße heruntergekommen. Die Rettungskräfte sind an der Arbeit“, teilte der Berater des Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, mit. Die Wolodymyr-Straße liegt direkt im Zentrum Kiews.

Medwedew: „Darauf warten die Bürger Russlands“

Medwedew hatte am Sonntag gesagt: „Alle Berichte und Schlussfolgerungen sind gemacht. Russlands Antwort auf dieses Verbrechen kann nur die direkte Vernichtung der Terroristen sein.“ Er äußerte sich in einem Interview der kremlnahen Journalistin Nadana Friedrichson. „Darauf warten die Bürger Russlands“, meinte er vor einer geplanten Sitzung des Sicherheitsrats an diesem Montag, die Putin leiten wird.

Am Samstagmorgen hatte eine Explosion die 19 Kilometer lange Brücke erschüttert, die Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeerhalbinsel Krim verbindet. Dabei wurde rund siebeneinhalb Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine das für Russland strategisch und symbolisch wichtige Bauwerk schwer beschädigt. Offiziellen Angaben aus Moskau zufolge starben drei Menschen.

Präsident Selenskyj beschreibt Lage auf Telegram

Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb am Montag auf seinem Telegram-Kanal, dass es eine Reihe von Explosionen in verschiedenen Regionen gegeben hätte.

Diese Schäden sind laut Selenskyj zu beklagen
  • Kiew und Oblast Kiew
    ▪ Sowohl Objekte des Bezirks Shevchenkiv als auch Solomyan sind von dem Angriff betroffen.
    ▪ Mehrere Angriffe auf kritische Infrastruktureinrichtungen der Hauptstadt
    ▪ Fußgänger- und Fahrradbrücke am Volodymyr Uzvoz
    ▪ Überreste von Raketen, die in Wohngebäude gefallen sind
  • Region Lwiw
    ▪ Schäden in Energieinfrastrukturanlagen der Region Lwiw
    ▪ Strom- und Mobilfunkausfälle im Stadtgebiet
  • Gebiet Charkiw
    ▪ Angriff auf ein Energieinfrastrukturobjekt
  • Gebietsweise Stromausfälle und keine Wasserversorgung
  • Oblast Schytomyr
    ▪ Angriff auf ein Energieinfrastrukturobjekt: gebietsweise Stromausfälle
  • Gebiet Dnipropetrowsk
    ▪ Massiver Raketenangriff auf die Region. Besonders betroffen sind kritische Infrastruktureinrichtungen und Wohngebäude: Es gibt Tote und Verletzte.
  • Gebiet Ternopil, Gebiet Transkarpatien, Gebiet Iwano-Frankiwsk, Gebiet Chmelnyzkyj, Gebiet Sumy, Gebiet Odessa, Gebiet Poltawa
    ▪ Massenangriff mit Raketen. Luftverteidigung aktiv.

Nach Angaben von Präsident Selenskyj bleibt die Gefahr von Raketenangriffen bestehen.

Aufnahmen zeigen Rauchsäulen und Zerstörung

Aufnahmen in den sozialen Netzwerken zeigen schwarze Rauchwolken über der Hauptstadt der Ukraine. Die Nachrichtenagentur BNO twitterte ein Video, das zwei Rauchsäulen zeigt. Der Korrespondent der BBC, Paul Adams, spricht von „mindestens zwei großen Explosionen“. Weiter sei Kiew das erste Mal binnen Monaten getroffen worden. Es handele sich um eine „signifikante Eskalation“.

Weitere Videos auf Twitter sollen das Zentrum von Kiew zeigen. Dort habe sich mindestens eine Explosion ereignet.

Der Nutzer Ruslan Skokliev hat ein Bild hochgeladen, welches angeblich am Montagmorgen aufgenommen wurde. Es zeigt brennende Autowracks. Weiter berichtet er von einem Raketenangriff. Menschen seien ums Leben gekommen und es gebe Verletzte.