Berlin - Zwanzig Jahre nach den Anschlägen vom 11. September in den USA haben Hilfsorganisationen eine vernichtende Bilanz des „Kriegs gegen den Terror“ gezogen und einen zivilen Ansatz zur Lösung von Konflikten verlangt. „Das Beispiel Afghanistan zeigt, dass die Bekämpfung von Terrorismus durch militärische Gewalt gescheitert ist“, erklärte die Ärzteorganisation IPPNW am Donnerstag. Ähnlich äußerte sich die Hilfsorganisation Misereor. Beide Organisationen verwiesen auf die hohe Zahl auch ziviler Opfer und verlangten ein Umdenken in der Außen- und Sicherheitspolitik.

Die IPPNW forderte ein Ende der Militäreinsätze im Nahen und Mittleren Osten. Misereor-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel erklärte, auch in Syrien, Mali oder in Mosambik zeige sich, „dass militärische Missionen nicht geeignet sind, um die wahren Ursachen von Gewalt und Konflikten zu bekämpfen“. Die beiden Organisationen forderten die Bundesregierung und die EU auf, viel mehr auf zivile Krisenprävention und Diplomatie zu setzen. IPPNW setzt sich seit Jahren für eine „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittleren und Nahen Osten“ ein.

Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) verwiesen ebenso wie Misereor auf die verheerende Bilanz des von den USA angeführten „Krieges gegen den Terror“. Die Wissenschaftlerinnen Neta Crawford und Catherine Lutz des Projekts „Costs of War“ der Brown-Universität in den USA hätten für Afghanistan, Pakistan, Irak, Syrien und Jemen bis Oktober 2019 insgesamt etwa 800.000 direkte Kriegstote ermittelt, davon 335.000 zivile Opfer, erklärte IPPNW. Da die Zahlen auf offiziell registrierten Fällen beruhten, gingen die Wissenschaftlerinnen von einem Vielfachen an indirekten Todesfällen aus.

Schätzung: 37 Millionen vertriebene Menschen

David Vine, ein weiterer Mitarbeiter von „Costs of War“ nimmt demnach an, dass die Gesamtzahl der durch die Kriege getöteten Menschen bereits Ende 2019 3,1 Millionen überstiegen habe. Zudem schätze er die Zahl der vertriebenen Menschen auf 37 Millionen.

Am Samstag jähren sich die Anschläge des Terror-Netzwerks Al-Kaida in den USA zum 20. Mal. Bei den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium waren fast 3000 Menschen getötet worden.

Als Reaktion auf die Anschläge marschierten die USA 2001 in Afghanistan ein und stürzten die dortige Taliban-Regierung, die Al-Kaida Unterschlupf gewährt hatte. Das chaotische Ende des internationalen Afghanistan-Einsatzes im August, an dem auch die Bundeswehr beteiligt war, begleitet von der Rückkehr der Taliban an die Macht, befeuerte zuletzt die Debatte über den Sinn dieses Krieges und die außenpolitischen Folgen von 9/11.