Hunderte chemische Stoffe in der Oder – Steffi Lemke sieht Ökosystem bedroht

Vier Monate nach dem Fischsterben in der Oder machte sich die Umweltministerin vor Ort ein Bild von der Lage. Fazit: Die Situation ist längst nicht entschärft.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke besuchte am Montag zusammen mit Dr. Micheal Tautenhahn den Naturschutzpark Unteres Odertal. 
Bundesumweltministerin Steffi Lemke besuchte am Montag zusammen mit Dr. Micheal Tautenhahn den Naturschutzpark Unteres Odertal. Imago/Chris Emil Janssen

Ein eisiger Wind weht an diesem frühen Montagnachmittag an der Oder. Auch Steffi Lemke friert etwas. Die Bundesumweltministerin beobachtet vom Aussichtsturm im Nationalpark Unteres Odertal einen Seeadler, Saat-und Blessgänse und kann sich nicht sattsehen an der Landschaft. Gleichzeitig ist Lemke in großer Sorge um das Ökosystem Oder und um Deutschlands einzigen Auennationalpark, zugleich erstes grenzüberschreitendes Großschutzgebiet mit Polen.

Die große Umweltkatastrophe mit einem massenhaften Fischsterben vor etwa vier Monaten hat ihre Spuren hinterlassen. Lemke und die Verantwortlichen des Nationalparks sehen das Ökosystem bedroht: durch noch undefinierte Einleitungen in den Fluss, den hohen Salzeintrag und den Oderausbau, den Polen vorantreibt.

360 Tonnen Fische verendet

Auf polnischer und deutscher Seite waren im August nach Ministeriumsangaben schätzungsweise mindestens 360 Tonnen Fische verendet. Experten gehen davon aus, dass ein hoher Salzgehalt im Fluss ein wesentlicher Grund ist, verbunden mit Niedrigwasser, hohen Temperaturen und einer giftigen Algenart. Hunderte chemische Substanzen können laut Bundesumweltministerium als Mitverursacher der Umweltkatastrophe infrage kommen.

Das Fischsterben hatte zu Verstimmungen im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen geführt. Polen pocht weiter auf einen Ausbau der Oder, Deutschland will einen Stopp.

Erhöhte Salzfrachten müssen reduziert werden

Lemke berichtet von den anfänglich „mühseligen“ Gesprächen mit der polnischen Seite bei der Suche nach der Ursache für das große Fischsterben. Die Salzfracht sei ein sehr großes Risiko für das Ökosystem vor allem in der warmen Jahreszeit, machte Lemke klar. Sie will weiter darauf drängen, dass Polen den Verursacher für die Salzeinleitung in den Fluss identifiziert. „Das Wichtigste bleibt, dass auf polnischer Seite geschaut werden muss, wie die erhöhten Salzfrachten reduziert werden können.“ Ob das vorsorgend getan werde, sei die Frage.

Die Vermehrung der toxischen Goldalge hätte nicht stattfinden können, wenn der Salzeintrag nicht so hoch gewesen wäre, machte sie ein weiteres Mal deutlich. Das Verständnis für die Problematik sei auf polnischer Seite inzwischen gewachsen. Sie sei in der Diskussion mit der polnischen Seite, damit sich solch eine Katastrophe nicht wiederhole. Am 23. November hatte sie sich dazu in einer Videokonferenz mit ihrer polnischen Kollegin ausgetauscht. Zudem sei man in einer Arbeitsgruppe mit der polnischen Seite in intensiven Diskussionen und werde im kommenden Jahr gemeinsame Workshops durchführen – auch zum Problem Goldalge.

Die Grünen-Politikerin las bei ihrem Vororttermin selbst die aktuellen Messwerte in der Oder im Bereich des Unteren Odertals in der Uckermark ab. Der stellvertretende Parkleiter Michael Tautenhahn erklärte, dass die Werte derzeit zeigten, dass der Salzeintrag so hoch sei wie noch bei der Umweltkatastrophe im Sommer. „Das deutet darauf hin, dass das Wasser mit irgendwelchen Einleitungen belastet ist, die dort nicht reingehören.“

Der Ausbau des Flusses zerstört seine Vielfalt

„Die Oder braucht jetzt eine Erholungsphase. Gerade jetzt nach einer solchen katastrophalen Schädigung muss eigentlich alles darauf ausgerichtet werden, hier Renaturierung, Regenerierung zu unterstützen“, so Lemke.

Nationalparkleiter Dirk Treichel zeigte unterdessen auf einen Flussabschnitt auf polnischer Seite, wo der Ausbau der Oder ab 2024 unter anderem mit einer Erneuerung der Buhnen vorangehen soll. Das habe unter anderem eine schnellere Fließgeschwindigkeit des Flusses zur Folge. Der Ausbau werde zu einer Veränderung der ökologischen Bedingungen im Nationalpark führen, sagt Treichel. Zielarten würden verschwinden und europäische Verpflichtungen wie die Umsetzung der Richtlinie Natura 2000 würden nicht mehr erfüllt, machte er deutlich. „Es geht um eine Vereinheitlichung der Oder, auch der Uferbereiche.“ Der Ausbau des Flusses zerstöre seine Vielfalt.

Mit Bundesverkehrsminister Volker Wissing sei man dazu im Gespräch, berichtete Lemke. Es gehe beim Ausbau in Polen nicht um eine „kleine Reparatur“, sondern um eine tiefgreifende Veränderung des Ökosystems – auch für die Fischbestände.

Für die Bundesumweltministerin bewahrt der Nationalpark Naturschätze für Kinder und Enkel und lässt auch Wildnis zu. „Die Frage ist, wie wir in Zukunft mit diesen Naturschätzen umgehen und sie besser vor solchen Katastrophen des letzten Sommers mit diesem schlimmen Fischsterben schützen können.“ Das treibe sie um, sagt die Grünen-Politikerin, die an der Elbe groß geworden ist. Die Süßwasserökosysteme seien die bedrohtesten in Mitteleuropa und zugleich die artenreichsten.