Berlin - Dicke Muskeln, viele Tattoos und immer direkter Augenkontakt. Wenn man Carsten Stahl gegenüber steht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass der gebürtige Neuköllner als Junge „der kleine Dicke“ war. Der in der Schule nach damaligen Maßstäben „gehänselt“, nach heutigen massiv gemobbt wurde. Auf dem Höhepunkt der Attacken anderer Kinder wurde der damals knapp Zehnjährige in eine Grube geworfen. Dabei brach er sich eine Rippe und blutete aus einem Loch im Kopf. Und wurde zum Abschluss von seinen fünf Peinigern vollgepinkelt. Geholfen hat ihm damals niemand. 

Andere Kinder wären daran zerbrochen. Stahl wurde immer wütender und wütender. Er fing an Gewichte zu stemmen. Und er fing an, zurückzuschlagen. Immer härter, immer wahlloser, bis er irgendwann der war, der zuerst zuschlägt. Mit 16 Jahren ist aus dem „kleinen Dicken“ ein junger, gewaltbereiter Krimineller geworden. Er ist Mitglied einer Neuköllner Gang, wird später sogar einer der Anführer. Ein Krimineller, der trotz seiner jungen Jahre ständig mit einem Bein im Gefängnis steht. Inhaftiert wurde er aber nie. Mit welchen Verbrechen genau er sein Geld verdiente, das sagt Stahl nicht. Er betont, er habe nie mit „Drogen, Prostitution oder Erpressung“ zu tun gehabt. Aber sein Leben als respektierte Kiez-Größe in Neukölln schafft ihm dennoch Feinde, mit denen er offenbar nicht gerechnet hat. 

Vergewaltigt und die Treppe hinuntergerworfen

Als Stahl 24 Jahre alt ist, marschiert eine konkurrierende Gang bei ihm zu Hause ein. Er selbst ist nicht da, nur seine damalige Freundin. Die verfeindete Bande fällt über Stahls Freundin her, drei Männer vergewaltigen die junge Frau. Dann werfen sie die 23-Jährige eine Treppe hinunter.

Durch das Martyrium verliert die damals Schwangere das ungeborene Kind von ihr und Stahl. Die Beziehung zerbricht dadurch. Danach verliert Stahl die Kontrolle, lebt einige Jahre in einem „Mix aus Gewalt, Kriminalität, Exzessen, und Drogenkonsum“, wie er sagt. Er habe damit auch versucht, seine „Schuld an dem Tod unseres Kindes und an dem Leid meiner Freundin zu verdrängen. Und irgendwie weiter zu leben“. 

Nachdem Stahl sich wieder etwas gefangen hat, gründet der Träger des Schwarzen Gurtes in Karate mit einer neuen Frau eine Familie. Er wird zum ersten Mal Vater. Da habe er erkannt, dass er sein Leben „zum Schutz seiner Familie komplett ändern“ muss. Er sagt: „Das war der Punkt, an dem ich begriffen habe, dass ich aussteigen muss. Wo ich gelandet war und was ich den Menschen um mich herum damit angetan habe, das musste aufhören und durfte sich niemals wiederholen.“ Er bricht mit seiner Gang, kauft sich frei und schwört dem kriminellen Leben ab. Er lebt ein unspektakuläres, aber ruhiges Leben.

Als der eigene Sohn verprügelt wird, geht Stahl in die Offensive

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Carsten Stahl als kleiner Junge an der Hand seines Vaters.

Bis im Jahr 2014 sein damals sechsjähriger Sohn kurz nach der Einschulung in der Schule von mehreren älteren Schülern verprügelt wird. „Mein Kind lag weinend in meinen Armen und hat mich förmlich angefleht: Papa, bitte schick mich da nie wieder hin“, sagt Stahl. Am nächsten Tag steht der Mann im Büro des Schuldirektors. Der aber, sagt Stahl, habe zunächst alles heruntergespielt und abgewiegelt. Und dann gesagt, es sei ja auch nicht so klar, was der Sohn zuvor alles gemacht habe. „Das war eine direkte Schuldumkehr, ohne zu wissen oder zu fragen wer mein Sohn ist, wie alt er war und wie es ihm geht“. Stahl habe das Gefühl gehabt, „dass der Rektor das Problem totschweigen wollte“. Zudem sei der Mann „völlig hilflos und überfordert“ gewesen.

In diesem Moment sah Stahl sich wieder in der Baugrube liegen, mit gebrochener Rippe, blutend, ein Loch im Kopf und angsterfüllt, während ihn eine Horde älterer Kinder auslacht und vollpinkelt. In diesem Moment wurde ihm klar: „Nein. Meinem Sohn wird es so nicht ergehen. Ich schütze mein Kind. Und nicht nur mein Kind.“ Er gründet das  Camp Stahl, ein Anti-Mobbing- und Anti-Gewalt-Projekt. Er knüpft Kontakte, erzählt in Schulen seine Geschichte. Sein Projekt findet Anerkennung, wird professioneller, der frühere Kriminelle gibt schließlich Seminare für Kinder und Jugendliche.

Seine Methoden sind dabei unkonventionell und auch umstritten. Als Stahl bei einem seiner Seminare für Selbstverteidigung eine Gummipistolenattrappe zieht und sie einem Schüler in das Gesicht hält, ist der Aufschrei groß. Zu wenig feinfühlig, zu unpädagogisch, zu brachial seien seine Methoden. Er habe damit einfach nur gezeigt, wie schnell sich eine Gewaltspirale entwickeln kann, sagt Stahl. 

Warum sind die Methoden von Carsten Stahl teils umstritten?

Vor allem von der SPD wird Stahl scharf kritisiert, mitunter wird dem Mann, der zwei Kinder mit einer polnischen Frau hat, unterstellt, er arbeite mit „gefährlichen“ Methoden und sei vielleicht sogar rechts. Der Bezirk Neukölln verweigert schließlich die Zusammenarbeit mit Stahl. Das interessiert den Mann allerdings „herzlich wenig“, wie er sagt. Er macht weiter, organisiert bundesweit  Kurse auf privater Ebene, gründet die deutschlandweite Kampagne „Stoppt Mobbing“ - und findet immer mehr Anhänger und auch Unterstützer. Aus dem Camp Stahl wird das Bündnis Kinderschutz, das diverse Kinderschutzvereine miteinander verbindet. 

Schon längst geht es nicht mehr ausschließlich um Mobbing, Gewalt und Hass. Stahl und seine Mitstreiter setzen sich erfolgreich für ein Verbot des sogenannten Handbuchs für Pädophile ein, sie fordern als erster Verein über eine Petition, dass der Besitz von Kindersexpuppen für illegal erklärt wird. Ein weiteres erklärtes und mittlerweile erreichtes Ziel des Bündnisses ist ein lebenslanger Eintrag ins Führungszeugnis für Pädokriminelle, die wegen Missbrauch von Kindern schuldig gesprochen und verurteilt wurden.

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Carsten Stahl mit seinen beiden Kindern.

„Wir haben noch lange nicht alle Ziele erreicht“, sagt Stahl. Kinderschutz gehe „uns alle an“ und sei „ein Thema, dass niemals aufhört. Es wird immer wieder Dinge geben, bei denen Kinder die Hilfe von uns Erwachsenen brauchen“. In diesem Frühjahr ist Stahl in die Politik gegangen, er tritt als Kandidat der Freien Wähler im Bezirk Marzahn an. Nach seinen Ambitionen gefragt, beteuert er: „Ich bin und werde kein Politiker werden. Ich bin Bürgervertreter und der Kinderschutz hat für mich oberste Priorität. Wenn mir eine neue Funktion dabei helfen kann, wunderbar. Wenn nicht, bin ich sofort wieder weg aus dem Politikbetrieb.“

Extrem, kriminell und grenzüberschreitend

Es sei ihm auch völlig egal, ob er mit der CDU, den Grünen, den Linken, der SPD oder der FDP zusammenarbeitet, wenn „es dem Schutz von Kindern in unserem Land dient“. Wenn man Carsten Stahl nur aus den Medien kennt, mag man seine Aussagen für leere Worthülsen und vielleicht sogar für politisches Kalkül halten. Dann könnte man seine markigen, vor allem über Facebook verbreiteten Sprüche, seine Selbstbezeichnung als „Mr. Unbequem“ und seine mitunter aufbrausende Art und Weise für eine sorgsam inszenierte und durchorchestrierte Selbstdarstellung halten.

Stahls Vergangenheit ist extrem, war kriminell und grenzüberschreitend. Manche seiner Methoden dürfen durchaus diskutiert werden. Wenn man Carsten Stahl aber schon vor seiner Dauerpräsenz im Netz, bei Facebook, Youtube und Instagram kennt, dann weiß man eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: Der Mann ist ehrlich. Er hilft Kindern. Und er weiß aus eigener und schmerzhafter Erfahrung, wovon er spricht.