Berlin - Trotz umfassender Demonstrationsverbote sind Anhänger der „Querdenken“-Bewegung am Sonntag durch Berlin gezogen. Mehrere Tausend Personen kamen zusammen. Bis zum späten Nachmittag habe es rund 500 Festnahmen und vorübergehende Festnahmen zum Aufnehmen der Personalien gegeben, sagte ein Sprecher der Polizei. „Das Aggressionspotenzial variierte.“ Insgesamt 2500 Beamte waren am Sonntag im Einsatz.

Ursprünglich hätten die Demonstranten am Olympischen Platz zu Fuß oder in einem Reisebus an einem für 10 Uhr angemeldeten Autokorso teilnehmen wollen. Dann sei es aber zu einer verbotenen Ersatzversammlung mit etwa 2000 Teilnehmern gekommen, so die Polizei Berlin.

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Corona-Protest in Berlin: Demonstranten bei einer unangemeldeten Kundgebung am Sonntag

Nördlich der Reichsstraße gab es gewalttätige Zusammenstöße von Demonstranten und Polizisten. In Videos auf Twitter sind Zusammenstöße zu sehen, als Polizisten offenbar versuchen, eine Straße zu räumen, Pfefferspray und Schlagstöcke kommen zum Einsatz. In einzelnen Fällen habe man körperliche Gewalt anwenden müssen, sagte eine Polizeisprecherin. Die Beamtinnen und Beamten erteilten Platzverweise und fertigten Anzeigen. Es gab auch Festnahmen.

In einem Livestream auf dem Video-Portal YouTube ist zu sehen, wie sich unzählige Menschen über die Heerstraße in die Jafféstraße bewegten. Sie hielten Transparente hoch und riefen „Friede, Freiheit, Demokratie“. An der Kreuzung Jafféstraße/Heerstraße schritten Polizisten ein, riegelten die Jafféstraße auf der einen Seite ab. Auch vorn stellten sie sich Demonstranten in den Weg, ließen sie dann aber doch durch – und bekamen dafür tosenden Applaus von der Menge.

Die Menge bewegte sich dann weiter in Richtung Messe. An der Ecke Jafféstraße/Messedamm riegelten die Einsatzkräfte dann die Straße ab. „Eine große Personengruppe, die aus der Richtung Olympischer Platz über die Heerstraße/Jafféstraße lief, wurde durch Einsatzkräfte noch vor Erreichen des Messedamms gestoppt und bewegt sich nun zurück Richtung Heerstraße“, twitterte die Polizei. Später marschierte die Menschenmenge über den Kaiserdamm in Richtung Innenstadt.

Wasserwerfer an der Siegessäule

Am Nachmittag seien an der Siegessäule an der Straße des 17. Juni noch einmal etwa 2000 Menschen zusammengekommen. Sie hätten versucht, in den Bereich einzudringen, für den die Initiative „Querdenken 711“ eine Kundgebung mit 22.500 Teilnehmern angemeldet hatte, die dann aber verboten wurde. „Das konnten wir unterbinden“, so ein Polizeisprecher. „Wir haben Fahrzeuge als Absperrungen genutzt, auch Absperrgitter.“ Außerdem seien Wasserwerfer hinzugezogen worden – „die wir glücklicherweise nicht zum Einsatz bringen mussten.“

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Die Polizei hat Wasserwerfer aufgefahren.

Die Polizei räumte die Straße des 17. Juni. Dutzende Menschen wurden weggetragen und teils festgenommen. Nach drei Lautsprecherdurchsagen löste sich laut Polizei die Ansammlung am großen Stern auf.

Kurfürstenstraße blockiert

Eine Menschenansammlung auf der Kurfürstenstraße in Berlin-Tiergarten blockierte den Verkehr. Mehrere Hundert Menschen zogen nach Angaben eines dpa-Reporters von der Siegessäule an der Straße des 17. Juni am Breitscheidplatz vorbei zur Kurfürstenstraße. Auf Transparenten von Gegnern der Corona-Politik standen Parolen wie „Friede, Freiheit, keine Diktatur“ oder „Kein Test: keine Pandemie“. Etliche von ihnen hatten Trommeln oder Trillerpfeifen dabei. Der Verkehr war zum Teil lahmgelegt, immer wieder mussten Autos anhalten und hupten laut. Polizei war dort zunächst kaum zu sehen.

Rund 1000 Menschen versuchten, über die Potsdamer Straße zum Potsdamer Platz zu gelangen. Da die Brücke über den Landwehrkanal aber abgesperrt wurde, bewegte sich der Zug wieder in Richtung Süden.

Stadtweit sei es im Lauf des Tages immer wieder zu Menschenansammlungen gekommen. Nach bisherigen Erkenntnissen sei von insgesamt mehreren Tausend Menschen auszugehen. „Wir hatten ursprünglich damit gerechnet, dass das bis in den fünfstelligen Bereich reicht“, so der Sprecher. „Das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen.“ Die unterschiedlichen Brennpunkte zusammengerechnet, sei eine Größenordnung von 5000 oder darüber hinaus aber realistisch.

Die Menschen protestierten in verschiedenen Gruppen und forderten etwa „Schluss mit der Corona-Diktatur“, hielten Transparente wie „Kein Test: keine Pandemie“ oder sprachen sich für die Leugnung des Coronavirus aus. Andere nutzten Trillerpfeifen, Fahnen, Trommeln oder Sprechchöre wie „Friede, Freiheit, Demokratie“ und „Wir sind das Volk“. Manche waren mit Luftballons in Herzform unterwegs. Teils liefen Protestierende durch den Verkehr, teils waren sie auf Fußwegen unterwegs. Die Polizei setzte auch einen Hubschrauber ein.

„Wir haben uns auf einen sehr kräftezehrenden Einsatz vorbereitet an diesem gesamten Wochenende“, sagte der Polizeisprecher. Auf die Frage nach der Taktik der Polizei und warum es Menschen gelungen sei, sich zu versammeln, sagte er: Die Polizei sei angehalten, mit Augenmaß vorzugehen. „Wir können jetzt nicht jede Person willkürlich kontrollieren, etwa am Pariser Platz.“

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Die Polizei nimmt einen Demonstranten mit nacktem Oberkörper, Schutzbrille und Haube bei einer unangemeldeten Demonstration an der Siegessäule fest.

Menschen hätten sich beispielsweise auch aus touristischen Hotspots heraus bewegt und seien zu mehreren Hundert zusammengekommen, sagte der Sprecher. Die Polizei habe sie wieder zerstreut. Eine Reihe von Aktionen, die sich ihrem Titel zufolge teils ebenfalls gegen die Politik in der Corona-Pandemie richteten, waren zudem nicht verboten worden, etwa Autokorsos. Auch dort schlossen sich laut Polizei teils Menschen zu Fuß an.

„Querdenken 711“: Freiheit lässt sich nicht verbieten

Der Sprecher der Initiative „Querdenken 711“, Michael Ballweg, sagte am Sonntag, seine Initiative akzeptiere das Verbot der Demonstration. Freiheit lasse sich aber nicht verbieten. „Die Menschen stehen jetzt eigenständig für ihre Grundrechte ein. Und die Versammlungen finden trotzdem statt.“ Gleichzeitig kritisierte Ballweg das Verbot und sagte, eine koordinierte Versammlung mit Auflagen, Ordnern und Deeskalationsteams wäre sicherer gewesen. Die Initiative hatte in einem internen „Notfallplan“ dazu aufgerufen, auch im Fall eines Verbots nach Berlin zu kommen.

Wolfgang Schäuble übt scharfe Kritik an „Querdenker“-Szene

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hatte die „Querdenker“-Szene zuvor scharf angegriffen. „Wenn weltweit praktisch alle Fachleute sagen, Corona ist gefährlich und Impfen hilft, wer hat dann eigentlich das Recht zu sagen: Ich bin aber klüger? Das ist für mich ein nahezu unerträgliches Maß an Überheblichkeit“, sagte Schäuble der Neuen Osnabrücker Zeitung. Der Politiker appellierte an die Szene: „Bitte schauen Sie sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse an, lassen Sie sich nicht von billigen Parolen hinter die Fichte führen!“ Schäuble fügte hinzu: „Auch bei den Querdenkern sollte die Betonung auf ‚Denken‘ liegen und nicht auf ‚Quer‘.“ (mit dpa)