Rettungskräfte stehen in der Nacht zu Dienstag kurz nach dem Unfall am Tatort.
Foto: Morris Pudwell

BerlinDer Ort des Geschehens am Kurfürstendamm sah aus wie ein Schlachtfeld, und er erinnerte die Einsatzkräfte auf erschreckende Weise an das Bild, das sich ihnen vor mehr als vier Jahren auf dem Berliner Prachtboulevard bot. Damals hatten sich die sogenannten Kudamm-Raser in der City West ein illegales Autorennen geliefert und einen unbeteiligten Autofahrer getötet. Auch dieses Mal wurden die Retter zu zerstörten Autos gerufen. Überall lagen Fahrzeugteile herum.  Es waren Spuren eines mutmaßlichen Autorennens, bei denen sich in der Nacht zu Dienstag die Fahrer von drei hochmotorisierten Autos duellieren wollten, und das für eine Mutter und deren Kind beinahe tödlich endete. 

Die 45-jährige Frau und ihre 17-jährige Tochter waren nach Angaben der Polizei gegen 21.20 Uhr in einem Ford auf dem Kurfürstendamm in Richtung Brandenburgische Straße unterwegs. An der Kreuzung Lehniner Platz/Ecke Kurfürstendamm habe sich der Kleinwagen zum Linksabbiegen in Richtung Lehniner Platz eingeordnet, teilte die Polizei am Dienstag mit. Auf der Kreuzung sei der Ford mit einem entgegenkommenden BMW kollidiert, der in Richtung Joachim-Friedrich-Straße unterwegs gewesen sei. Der Ford sei durch die Wucht des Zusammenstoßes auf die linke Seite gekippt. 

Grafik: BLZ/Galanty

Die Batterie des Kleinwagens wurde aus dem Fahrzeug gerissen und flog nach Angaben der Polizei mehr als 70 Meter weit. Der BMW schleuderte nach rechts und prallte gegen drei geparkte Autos. Insgesamt wurden bei dem Crash acht Fahrzeuge beschädigt. Ein Polizist sagte, es habe ausgesehen wie nach einen „furchtbaren Unfall auf der Landstraße oder Autobahn - aber doch nicht wie ein Unfall mitten in der Stadt“. Gäste eines nahen Restaurants eilten den verunglückten Insassen des Ford zu Hilfe, sie richteten das Fahrzeug auf und alarmierten Polizei und Feuerwehr.

Die Fahrerin des Kleinwagens erlitt lebensgefährliche Verletzungen. Sie musste von einem Notarzt reanimiert werden, bevor sie in ein Krankenhaus gebracht werden konnte. Ihre Tochter wurde schwer verletzt in eine Klinik eingeliefert. Auch zwei Fußgänger mussten behandelt werden. Sie waren von umherfliegenden Trümmerteilen getroffen und leicht verletzt worden.

Die Polizei geht davon aus, dass in dem BMW mehrere Personen saßen. Die Insassen kümmerten sich nicht um die Verletzten, sie ergriffen die Flucht. Ein Polizeisprecher sagte, dass die Unbekannten aus dem BMW zu Fuß in Richtung Halensee geflohen seien.  

Wie die Polizei weiter mitteilte, beteiligte sich der Fahrer des BMW offenbar an einem illegalen Fahrzeugrennen. Das legen Zeugenaussagen nahe. Demnach soll sich der Wagen ein sogenanntes Stechen geliefert haben, an dem zwei weitere Fahrzeuge beteiligt waren. Ein Uber-Fahrer sagte der Berliner Zeitung, er habe das Autorennen gesehen. Die Fahrzeuge seien so schnell gewesen, dass er nur „ein schnelles Rauschen wie auf der Autobahn“ gehört habe, als sie an ihm vorbeigerast seien.

Der Kurfürstendamm musste zwischen Dahlmannstraße und Nestorstraße bis 3 Uhr nachts in alle Richtungen gesperrt werden. Schaulustige strömten zum Unfallort, woraufhin die Polizei den Bereich weiträumig mit Flatterband absperrte. 

Berliner Polizei fahndet nach Fahrern

Die Polizei sucht nun per Öffentlichkeitsfahndung nach dem flüchtigen Unfallfahrer und den Fahrern der beiden anderen Fahrzeuge, die am Autorennen beteiligt waren. Die Ermittler bitten um Hinweise aus der Bevölkerung und fragen: Wer hat den Unfall beobachtet und kann sagen, wohin die Insassen des BMW geflüchtet sind? Wer kann der Polizei etwas zu den anderen Personen im BMW berichten? Welche weiteren Fahrzeuge waren an dem mutmaßlichen Autorennen beteiligt?

Sollte der BMW-Fahrer ermittelt werden, drohen ihm drastische Strafen. Denn Rasen ist längst kein  Kavaliersdelikt mehr, es wird auch nicht mehr nur wegen fahrlässiger Körperverletzung oder gar fahrlässiger Tötung angeklagt. Das zeigt die rechtmäßige Verurteilung des sogenannten Kudammrasers Hamdi H. wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Bundesgerichtshof hatte die Revision des mittlerweile 30-Jährigen auf ein Mordurteil des Berliner Landgerichts vor zehn Wochen verworfen und die harte Entscheidung bestätigt.

Hamdi H. hatte sich in der Nacht zum 1. Februar 2016 zusammen mit Marvin N. ein illegales Autorennen durch die West-Berliner City geliefert. Bei dem an einer Ampel verabredeten Stechen der damals 26 und 24 Jahre alten autoaffinen jungen Männer peitschten sie ihre hochmotorisierten Autos auf dem Kurfürstendamm und der Tauentzienstraße auf das Dreifache der erlaubten Geschwindigkeit. Die rasante Fahrt ging über mehrere Kilometer, auch rote Ampeln stoppten sie nicht. An der Ecke Tauentzien-/Nürnberger Straße endete das Rennen. Hamdi H. krachte mit seinem Audi mit etwa 160 Kilometer pro Stunde in das Auto eines 69 Jahre alten Arztes im Ruhestand, der Grün hatte und auf die Tauentzienstraße abbiegen wollte. 

Der Wagen von Hamdi H. sei zu einem „unglaublichen Projektil mit Zerstörungskraft“ geworden, so erklärte es später ein Gutachter. Der Jeep des Arztes flog 70 Meter weit, der Mann war sofort tot. Die Tauentzienstraße glich einem Trümmerfeld. Marvin N., der kurz hinter Hamdi H. die Kreuzung überquerte, raste mit seinem 330 PS starken Mercedes über die betonierte Einfassung einer Blumenrabatte. Er und seine Beifahrerin wurden verletzt. 

In einem ersten Prozess vor dem Berliner Landgericht wurden die beiden Raser wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt - erstmals in der bundesdeutschen Rechtsgeschichte. Doch das Urteil hatte keinen Bestand, der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung auf und verwies den Fall an das Landgericht zurück.

Eine zweite Schwurgerichtskammer verurteilte Hamdi H. und Marvin N. erneut zur Höchststrafe. Wieder gingen die Angeklagten in Revision. Im Fall von Hamdi H. bestätigte der Bundesgerichtshof Mitte Juni dieses Jahres das Urteil - damit ist der 30-Jährige ein Mörder. Das Urteil gegen Marvin N. hob der BGH jedoch auf, gegen den 28-Jährigen muss nun erneut verhandelt werden. Eine Aufhebung des Haftbefehls gegen Marvin N. lehnten die obersten Strafrichter ab. 

Der Grund: Die Anklage heißt in seinem Fall noch immer Mord. „Die Hauptverhandlung gegen ihn wird voraussichtlich im Oktober beginnen“, sagte Lisa Jani, die Sprecherin der Berliner Strafgerichte, am Dienstag.

Nach Informationen der Berliner Zeitung ist der erste Prozesstag gegen den einstigen Zeitsoldaten auf den 6. Oktober terminiert. Verhandelt wird vor der 29. Großen Strafkammer. Vorsitzender Richter in dieser dritten Runde vor dem Landgericht ist Bernd Miczajka. Insgesamt sind 17 Verhandlungstage geplant, bei denen alle Zeugen und Sachverständige auftreten werden, die auch schon in den vorangegangenen Prozessen ausgesagt haben. Maximilian Warshitzky und sein Bruder, die beiden Söhne des getöteten Arztes, werden erneut als Nebenkläger auftreten. 

Der Tod des Arztes hatte eine Verschärfung des Strafrechts zur Folge. Seit 2017 ist die Teilnahme an illegalen Autorennen eine Straftat. Zudem lässt das Gesetz bei tödlich endenden Stechen die Verhängung einer Haftstrafe von bis zu zehn Jahren zu.

Trotzdem werden Raser dadurch offenbar nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Auf Berlins Straßen finden immer mehr illegale Autorennen statt. Das ging aus einer Antwort der Senatsinnenverwaltung auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Peter Trapp hervor. Demnach zählte die Berliner Polizei im vergangenen Jahr insgesamt 360 Autorennen in der Stadt. Im Jahr 2018 waren es 279. Das bedeutet ein Plus von etwa 30 Prozent. Allein vom 13. April bis zum 24. Mai dieses Jahres wurden in Berlin 109 neue Raser-Fälle registriert.

Die meisten illegalen Rennen finden auf dem Siemensdamm statt

Die beliebteste Rennstrecke ist nicht etwa der Kurfürstendamm, sondern der Siemensdamm. Nach Angaben von Innenstaatssekretär Thomas Akmann (SPD) registrierte die Polizei im Jahr 2018 dort 13 illegale Autorennen. Auf der Autobahn A 100 waren es elf, in der Badstraße in Gesundbrunnen neun und im Tiergartentunnel ebenfalls neun. 40 Rennen hätten zu Verkehrsunfällen geführt, so Akmann. Die Raser seien meist Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Die Polizei hatte im vergangenen Jahr angekündigt, den Kampf gegen illegale Autorennen zu verstärken. Dafür werden seit Februar 2019 mobile Messanhänger, die an für Raser interessanten Strecken stehen, eingesetzt. Diese Anhänger können auch über mehrere Tage und Nächte an einem Ort abgestellt und ohne Personal betrieben werden. Zudem sind sie gepanzert.

Maximilian Warshitsky, der Sohn des durch die Kudammraser getöteten Arztes, sagt, Blitzer würden potenzielle Raser nicht abschrecken. Er plädiert dafür, an Straßen, die für Stechen interessant sind, Bodenwellen zu installieren. Der aktuelle Fall zeige ihm zudem, dass sich Raser auch nicht durch höhere Strafen irritieren ließen. „Denen geht es nur um eins: um Geltungsbedürfnis. Sie wollen protzen, etwas darstellen.“