Berlin - Die Zahl der Patienten, die wegen eines Impfdurchbruchs auf der Intensivstation landen, steigt weiter an. Das sagt Uwe Janssens. Er ist Intensivmediziner, Chefarzt und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Dem RND sagt Janssens: „Aktuell haben nahezu 44 Prozent der über 60-jährigen Patienten mit Covid-19 auf Intensivstationen einen Impfdurchbruch. Das hat deutlich und sprunghaft zugenommen.“ Die Zahl der Betroffenen in dieser Patientengruppe werde auch weiterhin zunehmen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts gibt es deutschlandweit bereits 150.000 dokumentierte Impfdurchbrüche.

Da gerade ältere Menschen trotz doppelter Impfung auf den Intensivstationen liegen, müsse die dritte Impfung „viel pragmatischer“ vorangetrieben werden, fordert Janssens. Nötig sei „eine größere Flexibilität beim Boostern“. Viele Ärzte schickten ihre älteren Patienten derzeit weg, wenn sie noch nicht 70 Jahre oder älter seien. Das habe die Ständige Impfkommission (Stiko) so festgelegt, sagt Janssens. Er halte das für einen großen Fehler. Alle Älteren und auch Patienten mit schweren chronischen Begleiterkrankungen sollten schnell das Angebot für eine Auffrischungsimpfung erhalten, sagt der Intensivmediziner. Der Abstand von sechs Monaten zur vollständig erhaltenen Impfung solle aber weiter berücksichtigt werden.

Lauterbach: Impfdurchbruch kann zu Long Covid führen

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte kürzlich: „Diese Impfdurchbrüche darf man nicht unterschätzen. Zum Glück ist es so, dass die ganz schweren Verläufe nicht so häufig sind. Aber dennoch sind viele Impfdurchbrüche schwerer, als der Laie sich das vorstellt. Sie können auch zu Long Covid führen.“ Die 2G-Regel für Innenbereiche schafft nach Ansicht von Lauterbach keine wirkliche Sicherheit, weil der Impfschutz bei vielen schon nachlasse. Lauterbach: „Jeder, der in einen Innenraum geht, muss mit einem Impfdurchbruch rechnen.“ 

Eine Überlastung der Intensivstationen wegen der stark steigenden Corona-Neuinfektionen ist aus Sicht der Deutschen Krankenhausgesellschaft in diesem Zusammenhang nicht mehr zu verhindern. „Der Wert von 4000 belegten Covid-Intensivbetten ist praktisch nicht mehr zu vermeiden“, sagte der Vorstandsvorsitzende Gerald Gaß dem RND. Die Folge sei, dass Kliniken die planbaren Operationen „jetzt sofort verschieben müssen“.

In immer mehr Bundesländern stießen die Intensivstationen an ihre Grenzen. Dies bedeute für „alle“ Krankenhäuser, „dass sie unabhängig von der Anzahl der Covid-Patienten im eigenen Haus ihre Leistungen einschränken müssen, um dann auch für überlastete Kliniken einspringen zu können“. Deutschland sei „in einer sehr kritischen Phase der Pandemie“. Für das Krankenhauspersonal würden die kommenden Wochen und „wahrscheinlich Monate“ noch einmal eine enorme Kraftanstrengung. (mit AFP und dpa)