Berlin - Corona-Impfungen wird es wohl erst ab Mitte April in größerem Umfang in den Arztpraxen geben – und das stößt auf Kritik. Vor allem die Hausärzte selber fordern, die Impfungen zügig aus den Impfzentren in die Praxen zu verlegen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verweist darauf, dass die Mengen der verfügbaren Impfstoffe dazu noch nicht ausreichen. So rechnet er frühestens Mitte April mit Lieferungen des Impfstoffes von Johnson & Johnson, der am Donnerstag in der Europäischen Union genehmigt wurde. Damit gibt es jetzt vier in der EU zugelassene Impfstoffe gegen Covid-19.

Erster Ärzteverband stellt Impfzentren infrage

Nach einer Empfehlung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern sollen Impfungen in Praxen „frühestmöglich“, aber spätestens in der Woche vom 19. April starten. Verfügbarer Impfstoff soll jedoch weiter zuerst an die bestehenden regionalen Impfzentren der Länder gehen. Der CDU-Gesundheitsexperte Erwin Rüddel (CDU) kritisierte das. Er sagte der Bild-Zeitung: „Wir müssen jetzt alles verimpfen, was geht. Das klappt nur in Verbindung mit den Arztpraxen.“

Nach Vorstellungen ihres Verbandes sollen die Hausärzte künftig komplett anstelle von Impfzentren gegen Covid-19 immunisieren. „Man mag die jetzt dort noch gebuchten Impftermine ja abarbeiten, aber parallel dazu muss das Feld der Impfungen endlich den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten überlassen werden“, sagte Verbandspräsident Ulrich Weigeldt der Augsburger Allgemeinen. „Die Praxen könnten sofort mit dem Impfen loslegen“, sagte er.

Lauterbach: Flächendeckendes Impfen in den Praxen erst im Mai

Spahn erklärte am Donnerstag in den ARD-Tagesthemen, die Ärzte in den Praxen sollten und müssten bald mit impfen. „Aber es muss jetzt eben im Übergang so sein, dass die Mengen auch passen.“ Wenn jeder Arzt nur fünf oder zehn Dosen pro Woche bekäme, würde es berechtigte Fragen geben, wie der Arzt seine Patienten priorisieren solle. „Wir brauchen eine gewisse Mindestmenge, ab der es Sinn macht.“ Zu einem Zeitpunkt im Mai, Juni oder Juli werde es etwa zehn Millionen Impfungen pro Woche in den Praxen geben. „Das wird sich dann nach oben hin sehr schnell entwickeln.“ Spahn sprach von einem „Ketchup-Effekt“. „Am Anfang kommt wenig raus (aus der Flasche), nachher kommt sehr viel.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rechnet damit, dass es sogar bis Mai dauern wird, bevor das Impfen in den Arztpraxen in vollem Umfang in allen Ländern laufen kann. Er sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe: „Hätten wir jetzt schon die niedergelassenen Ärzte eingebunden, hätte das zu Enttäuschungen geführt. Wenn ein Arzt am Tag gerade mal ein paar Leute impfen kann, aber 1000 bei ihm darauf warten, sorgt das nur für Ärger.“

Bayern will ab dem 1. April in Hausarztpraxen gegen Corona impfen

In Bayern sollen die Hausärzte früher gegen das Coronavirus impfen können als anderswo in Deutschland. „Wir erwarten, dass die Impfstofflieferungen des Bundes die Arztpraxen in die Lage versetzen, ihren Patienten zum 1. April ein Impfangebot machen zu können“, sagte Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) laut Mitteilung vom Freitag. „In Bayern werden ab Anfang April die niedergelassenen Ärzte als zweite Säule die Bayerische Impfstrategie ergänzen.“

Laut Holetschek sollen die Impfzentren im Freistaat im April pro Woche mit 350.000 Dosen Impfstoff beliefert werden. Darüber hinausgehende Lieferungen sollen an die Praxen gehen. „Auf Basis der Prognose des Bundes gehen wir davon aus, dass beispielsweise schon in der Woche nach Ostern rund 121.000 Impfdosen in den Arztpraxen verimpft werden können. Diese Summe soll sich im Verlauf des April und Mai wöchentlich weiter erhöhen“, so Holetschek. In einem nächsten Schritt sollten Betriebsärzte mit einbezogen werden.

Intensivmediziner und Ethikrat fordern ein schnelleres Impftempo

Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis forderte mehr Spielraum bei der Impfreihenfolge, sobald der Corona-Impfstoff in den Arztpraxen verfügbar ist. „Nichts ist schlimmer, als dass Impfdosen am Ende eines Arbeitstages übrig bleiben oder im Müll landen“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) der Rheinischen Post. Dann sei es besser, wenn der Arzt ihm bekannte Patienten anrufe, ob sie spontan zur Impfung kämen.

Auch das Ethikratmitglied Wolfram Henn hat mehr Spielraum für Hausärzte bei der Impfreihenfolge gefordert, sobald der Corona-Impfstoff in den Praxen verfügbar ist. Grundsätzlich sei es richtig, an der Impfpriorisierung festzuhalten, aber: „Je mehr Impfstoff verfügbar wird, desto stärker kann man die weiterhin bestehenden ethischen Kriterien individualisieren“, sagte Henn am Freitag dem Bayerischen Rundfunk. Sobald Hausärzte mitimpfen dürfen, sollte die Entscheidung in den Praxen liegen.

Ärztepräsident: Auf aufwendige Impfpriorisierung verzichten

Als konkretes Beispiel nannte Henn etwa eine Hausärztin, „die es einfach besser weiß, als ein ministeriell vorgegebenes Schema, ob der 69-jährige schwer lungenkranke Mensch dringender den Impfstoff braucht als der 71-jährige Marathonläufer“. Deshalb werbe Henn für Vertrauen in die Hausärzte.

Gleichzeitig warnte das Ethikratmitglied vor zu viel Vorgaben und Kontrolle in der Debatte über die Priorisierung. Man dürfe keinen „bürokratischen Schraubenschlüssel“ ins Getriebe werfen und sollte stattdessen gewisse Freiheitsgrade lassen.

Auch Ärztepräsident Klaus Reinhardt sprach sich dafür aus, so schnell wie möglich auf aufwendige Prüfverfahren zur Einhaltung der Impfreihenfolge zu verzichten. Es sei angemessen, dass zunächst vor allem immobile Patienten sowie Personen mit Vorerkrankungen geimpft werden sollten. „Ärzten sollte darüber hinaus die Möglichkeit eingeräumt werden, in Einzelfällen von diesem Impfschema abweichen zu können, wenn dies aus ihrer fachlichen Sicht medizinisch geboten ist“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt.