„Fühle mich als Arbeitsmigrant“: Infantinos peinliche Stunde als Katars PR-Agent

Gianni Infantino bereitet sich selbst die große WM-Bühne. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel holt der FIFA-Präsident weit aus - und verteidigt den Gastgeber, wo es nur geht.

FIFA-Präsident Gianni Infantino machte bei seiner Pressekonferenz einige bizarre Aussagen. 
FIFA-Präsident Gianni Infantino machte bei seiner Pressekonferenz einige bizarre Aussagen. Imago/Grigory Sysoev

Al-Rajjan-Gianni Infantinos bemerkenswerte Rechtfertigung auf theaterhafter Bühne dauerte fast genau eine Stunde.  Der FIFA-Präsident prangerte am Tag vor dem Eröffnungsspiel eine „Doppelmoral“ aus westlicher Richtung gegen den WM-Gastgeber Katar an, verteidigte das Emirat gegen praktisch alle Vorwürfe auch unabhängiger Institutionen, pries Fortschritte an - und beendete seine Ansprache flehend. „Lasst uns bitte, bitte, diese WM feiern und hoffen, den Menschen auf der Welt zu einem Lächeln zu verhelfen“, sagte Infantino. Dafür, so die Quintessenz, sei der Fußball letztendlich da.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International reagierte auf das Schauspiel mit deutlicher Kritik. „Indem Gianni Infantino berechtigte Kritik an der Menschenrechtslage beiseite schiebt, weist er den enormen Preis zurück, den Arbeitsmigranten zahlen mussten, um sein Flaggschiff-Turnier zu ermöglichen - sowie die Verantwortung der FIFA dafür“, sagte Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte bei Amnesty International.

„Fühle mich als Arbeitsmigrant“: Infantinos bizarre Auftaktworte

Infantino hatte zuvor in einem einstimmigen Monolog die Kritik am WM-Gastgeber zu großen Teilen zurückgewiesen und sich auf die Seite des Emirats gestellt. Er verwunderte mit mehreren Aussagen, unter anderem sagte er zu Beginn der Pressekonferenz: „Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.“

Immer wieder wechselte der Schweizer sein Sprechtempo, baute kleine Pausen ein, einmal nahm er den vor ihm auf dem Podium im großen Saal des Qatar National Convention Centre gestellten Fußball in die Hand. „Das ist die einzige Waffe, die wir haben“, sagte er. Seine Botschaften zu den schwierigen Fragen zu Menschenrechten, Arbeitsmigranten, der Freiheit für die LGBTQI+-Community wirkten lange zurechtgelegt. „Die Welt ist gespalten genug, eine WM ist eine WM, das ist kein Krieg“, sagte Infantino. „Wir müssen uns kritisch im Spiegel betrachten.“

FIFA-Chef prangert „Doppelmoral“ an

Katar war in den vergangenen Jahren insbesondere aus westlichen Nationen stark kritisiert worden. Für Infantino, der seine eigene Geschichte als Sohn einer Gastarbeiterfamilie in der Schweiz dazu in Zusammenhang setzte, auf eine „heuchlerische“ Art und Weise. „Ich denke, was wir Europäer in den vergangenen 3000 Jahren weltweit gemacht haben, da sollten wir uns die nächsten 3000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, moralische Ratschläge an andere zu verteilen“, sagte der 52-Jährige. Es sei „traurig“, diese „Doppelmoral“ erleben zu müssen.

Wie noch nie in den vergangenen Monaten stellte sich der FIFA-Präsident an die Seite der Regierung des Landes, in dem er längst einen Nebenwohnsitz unterhält. „Wer kümmert sich um die Arbeiter? Wer? Die FIFA macht das, der Fußball macht das, die WM macht das - und, um gerecht zu sein, Katar macht es auch“, sagte er und verwies unter anderem auf ein geplantes Büro der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) in Doha. 

„Wie viele dieser westlichen Unternehmen, die hier Milliarden von Katar erhalten - wie viele von ihnen haben über die Rechte von Arbeitsmigranten gesprochen? Keiner von ihnen“, sagte Infantino, ohne Beispiele anzuführen. Die auch vom Deutschen Fußball-Bund geforderten Entschädigungsfonds für Arbeiter und deren Familien aus Südasien gebe es bereits, wenn auch in anderer, von Katar initiierter Form. Er sei „überzeugt“, dass die WM helfen könne, Menschen „die Augen zu öffnen“.

FIFA-Präsident berichtet von persönlichen Anfeindungen

Homosexualität sei in Katar zwar verboten, aber das sei in europäischen Ländern auch lange so gewesen, argumentierte Infantino und verwies auf einen laufenden Entwicklungsprozess. Er habe die klare Zusicherung bekommen, dass „jeder und jede, alle“ zur WM in Katar willkommen seien. Einer der lokalen WM-Botschafter hatte zuletzt in einer ZDF-Dokumentation Schwulsein als „geistigen Schaden“ bezeichnet. Das sei nicht „die Haltung des Landes“, sagte Infantino, ohne konkret auf die Äußerung einzugehen.

Der FIFA-Präsident berichtete kurz von persönlichen Anfeindungen, sein Sprecher, der frühere britische Sky-Journalist Bryan Swanson, sprang ihm am Ende der Pressekonferenz zur Seite. „Es gab viel Kritik auch der LGBTQ-Gemeinschaft. Ich sitze hier als schwuler Mann und wir haben diese Garantie erhalten“, sagte der 42-Jährige. Die FIFA kümmere sich um jeden. „Ich habe einige homosexuelle Kollegen.“

Keine Meinung zu den Kapitänsbinden?

Eine klare Aussage, ob die Kapitäne der WM-Teilnehmer eine Armbinde in den für die LGBTQ-Community symbolträchtigen Regenbogenfarben tragen dürften, vermied Infantino. Die FIFA sei etwas „Universales, und wir müssen Themen finden, mit denen sich jeder identifizieren kann“, sagte er. LGBT ist die englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell und Transgender. Oft werden auch die Varianten LGBTQ, LGBTQI oder LGBTQIA+ verwendet. Jeder Buchstabe steht für die eigene Geschlechtsidentität oder die sexuelle Orientierung.