Ein halb geleertes Bier und andere benutzte Gläser stehen kurz nach der Sperrstunde in einer Bar in Neukölln auf dem Tresen. 
Foto: dpa/ Annette Riedl

BerlinNach Meinung der Soziologin Talja Blokland unterschätzt die Politik, wie wichtig Kneipen, Bars und Restaurants für die Gesellschaft sind. Die seit Samstag geltende Sperrstunde in Berlin sieht die Wissenschaftlerin kritisch. „Es kommt rüber, als wären Bars und Cafés zum Feiern da und nichts Notwendiges“, sagte die Professorin am Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung an der Humboldt-Universität Berlin. Das berichtet die dpa.

Wenn man sich frage, wie man lerne, wie man von einer Jobmöglichkeit erfahre oder politisch etwas höre, was anders als zu Hause sei, dann passiere das dort, wo man neue Menschen treffe. „Für das soziale Gefüge der Stadt sind das wichtige Orte.“

Ihrer Einschätzung nach kann sich die Sperrstunde auch auf das Sicherheitsgefühl in der Stadt auswirken. „Wir brauchen volle U-Bahnhöfe, um abends das Gefühl zu haben, sicher nach Hause zu kommen“, so Blokland. „Wenn die Stadt um 23.00 Uhr zumacht, ist das nicht mehr da. Man kann sagen: Das ist es uns wert. Aber man muss es bedenken.“

In der Hauptstadt gelten seit Samstag wieder strengere Vorgaben für private Feiern. Restaurants, Kneipen und die meisten Geschäfte müssen außerdem nun von 23.00 Uhr bis 06.00 Uhr geschlossen sein.

Einem Teil der Menschen mache die Sperrstunde nicht viel aus, weil der ohnehin nicht nachts unterwegs sei, sagt Blokland. Aber es treffe zum Beispiel Menschen, die nachts ihr Geld verdienen müssten: „Restaurantbetreiber, Taxifahrer, Tellerwäscher“.

Es werde argumentiert, dass Partys der Grund für die steigenden Infektionszahlen seien. „Das braucht in der Öffentlichkeit klare Belege“, fordert Blokland von der Politik. Mit einer aktuell noch laufenden Umfrage will ihre Universität nun erforschen, was die Menschen während der Pandemie vermissen. Und wie sich Einschränkungen auf das Vertrauen in Behörden und Politik auswirken.