Berlin - Ein Berliner Polizist sitzt benommen im Einsatzwagen und schreit vor Schmerzen. Immer wieder verkrampft er, hebt unkoordiniert die Hände nach oben und ringt nach Luft. Es sind dramatische Szenen eines Todeskampfes, die ein Zeuge mit seinem Handy durch das geöffnete Autofenster filmte. Doch anstatt zu helfen oder den Notruf zu wählen, macht sich der Mann über den Polizisten lustig. Kurze Zeit später stirbt der Beamte – die Polizei ermittelt nun wegen unterlassener Hilfeleistung. 

Der Polizist, der auf einem Abschnitt in Pankow tätig war, sei nach Angaben einer Polizeisprecherin in der Nacht zum Mittwoch auf Streifenfahrt gewesen. Aus gesundheitlichen Gründen kam er links von der Straße ab und prallte mit dem Wagen gegen eine Baustellenabsperrung. Ein Zeuge sah offenbar, dass etwas nicht stimmte und näherte sich dem Beamten. Eine halbe Minute lang filmte er die Situation im Auto und veröffentlichte das Video, ohne den Beamten zu verpixeln, auf Facebook und Instagram. 

Bisher ist nicht klar, ob der Mann vor oder nach der Aufnahme den Beamten fragte, was los sei. Sicher ist bisher nur, dass er ihn verspottete und ihm nicht half. Stattdessen kommentierte er auf dem Video seinen Voyeurismus mit: „Dit is die Berliner Polizei, Junge. Völlig besoffen der Typ, Alter.“ Es wirkte so, als wolle der Polizist etwas sagen, schaffte es jedoch nicht. Während Muskeln zu verkrampfen schienen, trat er immer wieder aufs Gaspedal. Der Motor heulte auf. Darauf sagte der Zeuge: „Jib Gas, Dicker. Hau ab, Mann, die Bullen kommen gleich.“

Der tragische Tod und die Zurschaustellung lösten in der Polizeibehörde Entsetzen aus. Am Donnerstag schrieb die Polizei auf Twitter: „Die Verbreitung dieses Videos ist geschmacklos & strafbar.“ Die Polizei ermittelt nun wegen unterlassener Hilfeleistung.

Ermittler sicherten das Video als Beweismittel und sind dabei, den Urheber ausfindig zu machen, hieß es. Der Mann war sogar noch vor Ort, als andere Polizisten bereits eingetroffen waren und Erste Hilfe leisteten. Dies beweist ein zweites Video, das im Internet kursiert. 

Berlins Polizeipräsidentin: Das Video ist abscheulich

Berlins Polizeipräsidentin zeigte sich fassungslos: „Dieses Video ist abscheulich, die Veröffentlichung unerträglich! Selbst wenn man einer Fehleinschätzung der Situation unterliegt, ist es widerwärtig, ein solches Video zu erstellen, um damit einen hilflosen Menschen herabzuwürdigen“, erklärte Barbara Slowik in ihrer Stellungnahme auf Twitter. Es könne nicht sein, dass jemandem der Wert der Follower-Zahl und die Möglichkeit, die Polizei Berlin in den Schmutz zu ziehen, wichtiger erscheine als die Würde eines Menschen, so Slowik. 

Die Berliner Polizisten trauern nun um ihren Kollegen. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Berlin teilte mit, dass sie in Gedanken bei den Angehörigen sei. „Es schockiert uns, dass man lieber zum Smartphone greift und draufhält, als einem in Not geratenen Menschen zu helfen“, teilte GdP-Sprecher Benjamin Jendro mit. Die Gier nach Klicks und Aufmerksamkeit zeigten mittlerweile einen stark verbreiteten digitalen Narzissmus, der strafrelevante Folgen haben müsse, so Jendro weiter.