Tel Aviv - Nach einer weltweit einzigartigen Durchimpfung der Bevölkerung und dem Ende des monatelangen, strengen Lockdowns verbreitet sich in Israel derzeit mit großer Geschwindigkeit das Respiratorische Synzytialvirus (kurz RS-Virus), das bei Kleinkindern und Säuglingen der häufigste Auslöser von akuten Atemwegsinfektionen ist und oft Begleiterscheinung einer normalen Grippe. „So etwas haben wir noch nie gesehen“, erklärte Tal Brosh, Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten im Samson Assuta Ashdod Hospital der Jerusalem Post.

Die Patienten, die mit Virusinfektionen hospitalisiert worden seien, seien „nur die Spitze des Eisbergs“. Es gäbe „seit dem Frühjahr eine zunehmende Zahl von Atemwegserkrankungen“, seit Mai gäbe es einen Anstieg der RSV-Fälle. Besonders bei kleinen Kindern und älteren Erwachsenen können bei einer Infektion gefährliche Verläufe entstehen.

Der Ausbruch des Virus im Winter ist auch in Israel normal, doch die Heftigkeit eines Ausbruchs im Sommer sei völlig ungewöhnlich. Brosh: „Normalerweise sehen wir das Virus im Sommer verschwinden, aber wenn wir die Zahlen jetzt betrachten, haben wir eine Situation wie in den Wintern der Vorjahre. Wir haben die Viren im Winter nicht gehabt, weil wir Masken trugen, und wegen der Lockdowns.“ Dies sei keine Pandemie, sondern ganz „normale Viren“.

Ähnliches Phänomen schon früher in Australien gemeldet

Obwohl bisher keine formelle Studie zu diesem Thema veröffentlicht wurde, sagte Brosh, dass ein ähnliches Phänomen vor einigen Monaten in Australien gemeldet wurde, als das Land nach dem ersten von Corona geplagten Winter seinen Sommer erlebte.

Die Zahl der Kinder, die mit Atemwegs- und Magen-Darm-Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, war auch im Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem außergewöhnlich hoch, sagte Giora Weiser, Direktorin der Abteilung für Pädiatrische Notfallmedizin, der Jerusalem Post. Der Grund sei einfach: „Kinder gehen wieder zur Schule, sehen Freunde und haben wieder ein normales Leben – und diese Viren rächen sich.“

Brosh: „Was jetzt seltsam ist, ist die Saison, und wir wissen nicht, ob die Viren bald absterben werden oder bis zum nächsten Winter überdauern und was dann im nächsten Winter tatsächlich passieren wird.“ Es gäbe keinen Grund zu übertriebener Sorge. Doch ein großes Problem sei die plötzliche Beanspruchung des Gesundheitssystems. Das Personal in den Krankenhäusern sei überlastet, so Brosh.

Israel plant erneuten Einsatz des Grünen Passes

Israel hatte sehr früh eine massive Impfkampagne gestartet. Die meisten Israelis wurden mit Pfizer/Biontech geimpft. Im Zuge der sogenannten Delta-Variante stellt sich allerdings heraus, dass die Zahlen in Israel wieder stark ansteigen. Laut einer Untersuchung von Forschern der Hebrew University soll Pfizer/Biontech zwar vor schweren Verläufen schützen, nicht jedoch vor der Ansteckung. Auch der Schutz bei schweren Verläufen könne laut den Forschern nur vermutet werden, weil die konkreten Daten noch nicht vorhanden seien. Die britische Regierung hat eine Studie finanziert, die zu dem Ergebnis kommt, eine Dosis Biontech verhindere im Schnitt in 94 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung nach der Ansteckung mit Delta, bei zwei Dosen sollen es 96 Prozent sein. Die Studie hat allerdings noch keine peer-review durchlaufen. 

Wegen der Zunahme der gemeldeten Infektionen hat die Regierung die Maskenpflicht in Innenräumen wieder eingeführt und plant den erneuten Einsatz des Grünen Passes, der starke Einschränkungen für Nichtgeimpfte nach sich zieht. Unterdessen drohen Millionen an Impfdosen von Pfizer/Biontech zu verfallen, wenn sie nicht bis Ende Juli eingesetzt werden. 

Laut dem israelischen Armeeradio will Israel in dem Fall mit Moderna weiterimpfen. Aktuell bemüht sich die Regierung, den überflüssigen Impfstoff an einen anderen Staat zu verkaufen. Verhandlungen mit Großbritannien sind gescheitert. Am Montag reiste der Pfizer-Chef nach Israel, um über eine Lösung zu verhandeln.