Jahrelang eingesperrtes Kind im Sauerland: Jugendamt hatte Hinweise

Kein Kindergarten, keine Schule: Im Sauerland soll einem Mädchen ein Großteil seiner Kindheit geraubt worden sein. Das Jugendamt hatte wohl anonyme Hinweise.

Bahngleise führen durch die Stadt Attendorn. Ein acht Jahre altes Mädchen soll nahezu sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein.
Bahngleise führen durch die Stadt Attendorn. Ein acht Jahre altes Mädchen soll nahezu sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein.dpa/Markus Klümper

Im Fall des acht Jahre alten Mädchens, das fast sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein soll, hatte das Jugendamt bereits anonyme Hinweise erhalten. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr seien zwei Hinweise eingegangen, sagte Fachbereichsleiter Michael Färber am Montag auf dpa-Anfrage.

„Wir sind dem sofort nachgegangen, aber es gab keine stichhaltigen Hinweise oder konkreten Anhaltspunkte, dass sich das Mädchen dort aufhielt.“ Man habe daher keine rechtliche Möglichkeit gehabt, das Haus zu betreten – das sei auch die damalige Einschätzung der Polizei gewesen. Auch der Sauerlandkurier und der WDR hatten über Hinweise an das Jugendamt berichtet.

Ermittlungen gegen Mutter und Großeltern

Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen. Sie geht davon aus, dass diese dem Mädchen nicht ermöglicht hätten, „am Leben teilzunehmen“ – nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern.

Die Mutter hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und als neuen Wohnort für sie und ihre Tochter eine Adresse in Italien angegeben, schilderte der Fachbereichsleiter im Kreis Olpe. Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem – getrennt von den beiden lebenden – Vater habe. Dieser wandte sich Färber zufolge ans Familiengericht, das 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte.

Erst als sich im Juni 2022 ein Ehepaar ans Jugendamt wandte und angab, das Mädchen gesehen zu haben, habe man mithilfe von Bundesjustizministerium und italienischen Behörden herausgefunden, dass Mutter und Tochter nie in Italien gelebt hatten. Bei einer Hausdurchsuchung am 23. September stieß man dann dort auf das Kind.