Berlin - Nadja Uhl, Ulrich Tukur, Wotan Wilke Möhring und Jan Josef Liefers fluten das Internet. Sie protestieren mit bitterbösen satirischen Statements in kurzen Videos scharf gegen die Politik der Bundesregierung. Zunächst waren die Videos gesammelt auf der Seite allesdichtmachen.de zu sehen, bereits nach wenigen Stunden war die Site dann vorübergehend nicht mehr erreichbar. Zeitgleich wurden die Videos nach und nach bei Youtube auf einem eigens erstellten Kanal hochgeladen. Wer die künstlerische Protestaktion der deutschen Schauspiel-Elite koordiniert und ins Leben gerufen hat, war zunächst unklar. Die Aktion sorgt für heftige Diskussionen.

„Wir sollten einfach nur allem zustimmen, nur so kommen wir durch die Pandemie“

So sagt Liefers in seinem Video etwa, man dürfe „verantwortungslosen, menschenverachtenden Ärzten und Wissenschaftlern, die zu anderen Schlüssen kommen als die beratenden Experten unserer Regierung“ keine Bühne geben. Liefers weiter: „Wir sollten einfach nur allem zustimmen und tun, was man uns sagt. Nur so kommen wir durch die Pandemie.“

Auch Nadja Uhl, Ulrike Folkerts, Heike Makatsch, Ulrich Tukur, Richy Müller und Dutzende weitere Schauspieler nehmen die Corona-Maßnahmen, Regeln und Verbote mit bitterböser Ironie aufs Korn, erklären eisig-debil lächelnd, weshalb sie niemandem mehr die Tür öffnen, die Nachbarskinder morgens um fünf Uhr für einen Corona-Test aus dem Bett holen und warum sie solidarisch mit dem Finger auf andere Menschen zeigen.

„Kein Disput zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen der Regierung“

In weiteren Clips erklären die Schauspieler und Schauspielerinnen, weshalb Grundrechte einen Grund bräuchten und warum man kritisches Denken am besten einstellen sollte. Die Schauspielerin und Kabarettistin Tina Maria Aigner, auch bekannt durch ihre Auftritte im Berliner Kabarett-Theater Distel, appelliert schließlich an die Bevölkerung: „Bleiben Sie gesund. Und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Mit und ohne Grund!“

Innerhalb weniger Stunden hatte der YouTube-Channel mehr als 22.000 Follower (Stand: Freitag, 8.33 Uhr), auch bei Facebook und Twitter (Hashtag: #allesdichtmachen) gingen die Videos der Schauspieler viral. Die Website selber war kurz vor Mitternacht zunächst wieder erreichbar, allerdings waren vermutlich aufgrund der hohen Zugriffszahlen nicht alle Videos fehlerfrei zu sehen.

„Mit Satire für tausendfachen Tod? Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden?“

Die Reaktionen sind gespalten. Während viele Menschen die einzelnen Videos und die darin enthaltenen Kritikpunkte an der Corona-Politik feiern, löst das Projekt auf der anderen Seite eine Welle der Empörung aus. So schreibt etwa Jan Böhmermann als Reaktion bei Twitter: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat“ und verlinkt auf den ARD-Beitrag „Charité Intensiv: Station 43 – Sterben“. Ein weiterer User schreibt: „Mit Satire für tausendfachen Tod? Was ist nur aus unserer Gesellschaft geworden?“ Von einer weiteren Userin kommt der Vorwurf: „Querdenker und Nazis feiern das als Dammbruch.“

Der Grünen-Politiker und Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek hingegen zeigt Verständnis und plädierte für eine offene Debatten-Kultur. „Ich verstehe die Beiträge von Jan Josef Liefers und Heike Makatsch unter anderem als Satire und Kritik an der Corona-Diskurskultur in Deutschland“, twitterte Janecek. Und weiter: „Muss man aushalten können. Die harschen Reaktionen hier auf Twitter zeigen, dass sie einen Nerv getroffen haben.“

Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit spricht von einem „Meisterwerk“, das „uns sehr nachdenklich machen“ sollte. Und der frühere Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, nennt die Filme „großartig“.

Schauspieler Jan Josef Liefers reagiert noch in der Nacht auf Kritik an der Aktion

In der Nacht zu Freitag meldete sich Jan Josef Liefers dann bei Twitter selbst zu Wort und teilte in Hinblick auf die teils heftige Kritik an der Aktion mit: „Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestags auch keine Partei, der ich ferner stehe als der AfD.“ Gleiches gelte „für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt“.

Er sei aber bei „all denen, die zwischen die Fronten geraten sind, den Verängstigten, den Verunsicherten, den Verstörten und Eingeschüchterten, den Verstummten, den Hin- und Hergerissenen. Denen, die während der ständig erneuerten ineffektiven Lockdowns häusliche Gewalt erleiden müssen und bei den unverzeihlichsten aller Kollateralschäden, den Kindern. Gute Nacht zusammen“.

Heike Makatsch und Meret Becker distanzieren sich von #allesdichtmachen

Nach ihrem Video-Beitrag hat sich Schauspielerin Heike Makatsch zu Wort gemeldet und sich von „rechtem Gedankengut“ distanziert. „Ich habe durch Kunst und Satire den Weg gewählt, die Veränderung unserer Gesellschaft aufzuzeigen und Raum zu schaffen, für einen kritischen Diskurs“, schrieb sie auf Instagram. „Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst.“

Auch die Schauspielerin Meret Becker („Tatort“) distanzierte sich von der Videoaktion. Kunst müsse Fragen stellen können, sagte Becker am Freitag in einem Beitrag bei Instagram. „Aber diese Aktion ist nach hinten losgegangen.“ Sie werde ihr eigenes Video runternehmen lassen. „Und ich entschuldige mich dafür, dass das falsch verstanden werden konnte.“