Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, sieht den Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele Menschen dächten sich heute nichts dabei, judenfeindliche, rassistische oder fremdenfeindliche Positionen zu äußern, sagte Fürst im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wenn Sie diese Menschen darauf ansprechen, halten die das für völlig normal.“ Dies sei vor rund 40 Jahren in Deutschland noch anders gewesen. Judenhass sei damals nicht im gleichen Maße öffentlich geäußert worden wie heute.

Der Rechtsanwalt Fürst feiert am Freitag mit einem Empfang im Kongresszentrum in Hannover seinen 75. Geburtstag. Zu diesem Anlass wird auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erwartet. Fürst steht seit 42 Jahren an der Spitze des Verbands, zu dem heute zwölf Gemeinden mit landesweit rund 6000 Mitgliedern gehören. 1980 übernahm er den Vorsitz.

Soziale Netzwerke als Treiber für Judenhass

Einen der Gründe für die Zunahme des öffentlich geäußerten Antisemitismus sieht Fürst in den sozialen Medien. Dort und im Internet würden millionenfach Klischees und Falschmeldungen über Juden verbreitet, die von vielen Menschen für bare Münze genommen würden. „Und wenn das immer wieder gelesen wird, glaubt man, das ist alles wahr.“ Dagegen anzugehen, sei schwer.

Er hoffe, dass sich an den Schulen ein Bewusstsein für dieses Problem entwickle, sagte Fürst. Alle müssten an einem Strang ziehen, dass sich so etwas wie die NS-Zeit nicht wiederhole. „Ich wünsche mir, dass wir im Schulunterricht dieses Thema so aufgreifen, dass die Kinder und Jugendlichen nicht glauben müssen, dass sie am Antisemitismus und an der Nazi-Zeit schuld sind“, betonte Fürst.

„Wir stülpen den Begriff Antisemitismus nicht ganz Deutschland über“

Auch in der NS-Zeit sei nicht jeder Deutsche ein Antisemit gewesen. Deswegen sei seine Familie nach dem Holocaust in Deutschland geblieben. „Antisemit ist nur der, von dem wir es wissen. Wir stülpen den Begriff des Antisemitismus nicht ganz Deutschland über.“

Als einen Meilenstein bezeichnete der Verbandsvorsitzende, dass es in Niedersachsen gelungen sei, ein gutes Verhältnis zur palästinensischen Gemeinde und zu den muslimischen Verbänden zu erreichen. „Es gibt zwar antisemitische Angriffe hier und da, aber in Niedersachsen nicht seitens der Palästinenser und der Muslime“, sagte er. „Und wenn so etwas passiert, dann haben wir durch unsere Verbände eine geschlossene Sperre dagegen, stehen gemeinsam auf und wehren uns.“

Auch der Zentralrat der Juden zeigt sich besorgt über den Anstieg antisemitischer Straftaten. Erst im April und Mai, anlässlich des Unabhängigkeitstages Israels und des Fastenmonats der Muslime, kam es in Berlin zu antisemitischen Ausschreitungen. Im vergangenen Jahr war laut Bundesinnenministerium die Anzahl judenfeindlicher Straftaten auf Rekordhöhe.