London - Die Justiz in Großbritannien hat in einem wegweisenden Urteil die Luftverschmutzung in London für den Tod eines neunjährigen Kindes mitverantwortlich gemacht. Die schlechte Luftqualität habe „wesentlich beigetragen“ zum Tod des Mädchens, teilte der stellvertretende Untersuchungsbeamte für den Inner South Coroner's Court in der Hauptstadt mit.

Die Neunjährige war im Februar 2013 nach einer schweren Asthmaattacke gestorben. In den drei Jahren zuvor musste sie fast 30-mal mit Atembeschwerden ins Krankenhaus. Ihre Wohnung lag an einem vielbefahrenen Straßenring im Stadtteil Lewisham. Eine erste gerichtsmedizinische Untersuchung hatte 2014 ergeben, dass Ella an akuter Atemnot aufgrund ihres schweren Asthmas gestorben war. Diese Erkenntnisse wurden im vergangenen Jahr jedoch angezweifelt, weshalb eine neue Untersuchung angeordnet wurde.

Der mit der Untersuchung des Todes beauftragte Vize-Coroner kam nun zu einem anderen Ergebnis. Ein Coroner ist ein Beamter, der plötzliche und unter verdächtigen Umständen eingetretene Todesfälle untersucht. Ella sei Stickstoffdioxid-Werten ausgesetzt gewesen, „die über den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lagen“, so sein Urteil. Dies sei immer wieder Auslöser von Asthmaanfällen gewesen und habe gleichzeitig das Asthma des Mädchens weiter verschlimmert.

Ausdrücklich wies der Beamte zudem darauf hin, dass es damals ein „bekanntes Versagen“ gegeben habe, diese Werte zu reduzieren. Darüber hinaus sei die Mutter nie über die entsprechende Zusammenhänge aufgeklärt worden. Die Frau hatte während der Anhörung ausgesagt, sie wäre sofort umgezogen, wären ihr die Gefahren der Luftverschmutzung für die Gesundheit ihrer Tochter bewusst gewesen.

Vorwurf: Maßnahmen wurden verschleppt

Einmal musste das Mädchen in ein künstliches Koma versetzt werden, um ihren Zustand zu stabilisieren. Im Jahr 2012 wurde Ella als behindert eingestuft, ihre Mutter musste sie Berichten zufolge häufig auf dem Rücken tragen. Ein Experte wies in der Anhörung auf eine „auffällige Übereinstimmung“ der Zeiten hin, an denen das Stickstoffdioxid und die Feinstaubpartikel in der Luft Höchstwerte erreichten und das Kind zur Behandlung ins Krankenhaus musste. 

Die Anwälte der Familie hatten den Behörden vorgeworfen, Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung verschleppt zu haben. Nach der Messung der schlechten Luftqualität dauerte es demnach drei Jahre, bis der Stadtteil-Rat einen Aktionsplan entwickelte und dann vier Jahre, bis dieser formal verabschiedet wurde. Die Mutter sagte während der Anhörungen, sie hoffe, dass das Urteil „das Leben von Kindern künftig verbessern“ werde. Die Behörden seien dringend aufgefordert, etwas gegen die anhaltende Luftverschmutzung zu unternehmen.

Experten: Rund 30.000 Todesfälle pro Jahr

Die Co-Vorsitzende der britischen Grünen, Caroline Lucas, sprach von einem „bahnbrechenden Urteil“, das endlich die „tödlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung“ anerkenne. Die Britische Lungenstiftung sowie die Vereinigung Asthma UK erklärten, das Urteil könne zu einem grundlegenden Wandel der Regierungspolitik führen.

Nach Angaben des Londoner Stadtrats werden fast im gesamten Stadtgebiet die von der WHO empfohlenen Grenzwerte für Luftverschmutzung überschritten. Expertenschätzungen zufolge gehen jährlich zwischen 28.000 und 36.000 Todesfälle im Vereinigten Königreich auf die schlechte Luftqualität zurück.