Kassel - Ein 44 Jahre alter Sanitäter soll in einer Flüchtlingsunterkunft in Kassel mit der Faust auf einen Mann eingeschlagen haben, der festgeschnallt auf einer Trage lag. Ein Video, das der Bild-Zeitung vorliegt, zeigt den Vorfall. Anwesende Polizisten griffen dem kurzen Clip zufolge nicht unmittelbar ein. In der später veröffentlichten Pressemitteilung der Polizei wurde kein Wort über den Faustschlag verloren. Am Freitag äußerte sich nun Kassels Polizeipräsident.

„Ich darf Ihnen versichern, dass mich die Abläufe vom 8. November 2020, so wie sie in der Videosequenz zu sehen sind, fassungslos und betroffen machen“, erklärte Polizeipräsident Konrad Stelzenbach. „Gewalt gegen eine fixierte und somit wehrlose Person ist nicht zu tolerieren – ganz unabhängig davon, was zuvor vorgefallen ist.“

Geflüchteter soll doppelten Jochbeinbruch erlitten haben

Das Opfer, das durch den Schlag des Sanitäters einen doppelten Jochbeinbruch erlitten haben soll, hatte nach Angaben der Polizei zuvor in der Flüchtlingsunterkunft randaliert. In der Mitteilung der Polizei hieß es damals, dass der 32-jährige Bewohner bei Eintreffen der Einsatzkräfte „scheinbar hilflos“ am Boden gelegen habe. Als sich Rettungskräfte um ihn kümmern wollten, sei er plötzlich „zu Kräften“ gekommen und habe versucht, die Sanitäter mit einer Aluleiter anzugreifen.

Außerdem habe der Syrer die Einsatzkräfte angespuckt und sich massiv gegen seine Festnahme gewehrt. Die Beamten hätten daraufhin Pfefferspray eingesetzt und ihn in eine Ausnüchterungszelle gebracht. Der Faustschlag wurde in der Pressemitteilung nicht erwähnt. Auf die Frage, warum dies verschwiegen wurde, sagte ein Polizeisprecher der Frankfurter Rundschau, „die Intensität des Schlages“ sei ihnen nicht bekannt gewesen. Er sei aber in den Unterlagen vermerkt gewesen.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen alle Beteiligten

Kassels Polizeipräsident Konrad Stelzenbach will den Fall nun lückenlos und konsequent aufklären. „Rettungsdienst und Polizei müssen zu jeder Zeit ihre Garantenstellung einnehmen und integer sowie rechtsstaatlich agieren“, erklärte Stelzenbach. Die Polizei in Kassel habe nach der Prüfung des Sachverhaltes drei Strafverfahren eingeleitet und an die sachleitende Staatsanwaltschaft abgegeben.

Diese Strafverfahren richteten sich gegen den 32-jährigen Bewohner, unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, gegen den Sanitäter wegen Körperverletzung und gegen drei Polizeibeamte –unter anderem wegen Strafvereitelung im Amt.

Kassels Polizeipräsident: Das Verhalten der Polizisten ist nicht akzeptabel

Gegen die Polizeibeamten seien auch disziplinarrechtliche Überprüfungen eingeleitet worden. „So unangemessen das Verhalten des 32-jährigen Störers gegenüber den Kollegen im Vorfeld auch gewesen sein mag: Das in dem Video offenkundig teilnahmslose Verhalten der eingesetzten Polizisten ist für mich nicht akzeptabel“, betonte Stelzenbach. „Sie hätten mit aller Entschlossenheit und Konsequenz einschreiten müssen. Wir tragen auch für Straftäter Verantwortung, und keine für die Polizei noch so frustrierende Situation darf uns dazu verleiten, unserer Pflicht als Schutzleuten nicht nachzukommen. Das erwarte ich von allen Kolleginnen und Kollegen.“