Berlin - Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, ruft angesichts steigender Fallzahlen Bund und Länder dazu auf, schnellstmöglich eine neue Corona-Strategie zu erarbeiten. Die Kopplung der Inzidenz an Einschränkungen sei mit der aktuellen Quote von bereits 50 Prozent vollständig Geimpfter nicht mehr vereinbar, sagte der KBV-Chef.

England, das alle Corona-Maßnahmen trotz hoher Fallzahlen aufhob, könnte ein mögliches Vorbild sein. „Es klingt zynisch, aber im Grunde müssen wir Boris Johnson dankbar sein, dass er auf einen Schlag alle Maßnahmen aufgehoben hat und die Engländer nun dieses Experiment wagen“, sagte Gassen am Dienstag dem Handelsblatt. Derzeit gingen die Fallzahlen in Großbritannien tatsächlich wieder leicht zurück, „was den Eindruck bestätigen würde, dass nicht Einschränkungen, sondern Impfungen den größten Einfluss auf die Pandemie haben“.

Gebe es keine problematische Auslastung der Intensivbetten, hätte der britische Premier Johnson mit seinem Kurs recht gehabt. „Dann könnten wir auch hierzulande bei einer vergleichbaren Impfquote letztlich alle Maßnahmen aufheben.“

Gassen: Niemand hat ein Recht auf Restaurant- oder Stadionbesuche

Gassen hält Beschränkungen für Ungeimpfte in bestimmten Bereichen für sinnvoll. „Sind nur Geimpfte in einem Raum, ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit fast gleich null“, sagte Gassen dem Handelsblatt. „Deswegen kann ich jeden Kino-, Gaststätten- und Hotelbetreiber verstehen, der nur noch Geimpfte reinlässt.“ Es gebe für niemanden ein Recht auf Restaurant- oder Stadionbesuche.

Menschen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder für die es keinen Impfstoff gibt, wie beispielsweise Kinder, sollten laut Gassen von solch einer Regelung ausgenommen werden.