Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sieht nach der Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu einer zweiten Booster-Impfung für besonders corona-gefährdete Menschen keinen unmittelbaren Bedarf für eine Auffrischungsimpfung für alle: Normalbürger seien nach drei Impfungen „wahrscheinlich lange sehr gut gegen schweren Verlauf und Tod geschützt“, sagte Gassen der Bild (Freitagsausgabe).

Für besonders gefährdete Gruppen sei es hingegen „durchaus denkbar“, dass es „möglicherweise perspektivisch Empfehlungen für wiederkehrende Auffrischimpfungen geben könnte“. Dafür bräuchte es jedoch „weitere Daten“. Indessen ist die neue Stiko-Empfehlung seiner Ansicht nach ein Argument gegen eine allgemeine Impfpflicht. „Nachhaltiger Infektionsschutz, Herdenimmunität oder gar Viruseradikation, die aus epidemiologischer Sicht für eine Impfpflicht sprechen würden, sind offensichtlich mit den zur Verfügung stehenden Impfstoffen nicht erzielbar“, sagte Gassen der Bild weiter.

Gesetzliche Krankenkassen fordern Impfregister

Die Stiko hatte am Donnerstag angesichts der grassierenden Omikron-Welle des Coronavirus die zweite Auffrischungsimpfung für stark gefährdete Menschen sowie Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegebereich empfohlen. Die Empfehlung für eine zweite Boosterimpfung gilt generell für über 70-Jährige, für Bewohner von Altenheimen und Menschen mit Immunschwächekrankheiten ab fünf Jahren. Zur Begründung verwies das Gremium auf einen nachlassenden Schutz von Grund- und Auffrischungsimpfung.

Unterdessen forderte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) die Bundesregierung auf, eine systematische Erfassung des Impfstatus der Bundesbürger auf den Weg zu bringen: „Die Pandemie wird im Herbst nicht vorbei sein und wir als Gesellschaft müssen spätestens jetzt damit beginnen, uns dafür zu rüsten“, sagte Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbands, den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Freitagsausgaben). Gezielte Impfkampagnen seien auf Informationen angewiesen. Bislang aber könne niemand sagen, wer geimpft sei und wer nicht.

Kanzler Olaf Scholz gegen Impfregister

„Im Rahmen der staatlichen Impfkampagne wären selbst freiwillige Erinnerungen an eine notwendige Folgeimpfung zum Beispiel durch die Gesundheitsämter nicht möglich“, sagte Lanz. „Notwendige Voraussetzung aller weiteren Überlegungen dazu wäre nun die Bereitschaft der Politik, den gesetzlichen Rahmen dafür zu schaffen, dass die Informationen zum Impfstatus aus den Arztpraxen und Impfzentren schnell und digital zur Verfügung gestellt werden“, forderte der Verband.

Die Schaffung eines sogenannten Impfregisters ist einer der Hauptstreitpunkte bei der diskutierten Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Führende Regierungsvertreter wie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) haben sich dagegen ausgesprochen, während andere Politiker und Experten an der Kontrollierbarkeit einer Impfpflicht ohne entsprechende Datenbank zweifeln.