Prof. Dr. med. René Gottschalk: „Eine Übersterblichkeit ist weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Gruppe der Hochrisikopatienten (Bewohner von Altenpflegeheimen) zu verzeichnen.“
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BerlinEinschneidende Maßnahmen, mangelnde Fachexpertise und eine massive Gefährdung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen: Der Mediziner und Leiter des Gesundheitsamtes im hessischen Frankfurt kritisiert den Umgang der Bundesregierung mit der Corona-Pandemie scharf. Zudem vergleicht er Corona mit Grippe und vergangenen Hitzewellen. In zwei Artikeln, die auf der Seite der Landesärztekammer Hessen veröffentlicht wurden, fordert Prof. Dr. med. René Gottschalk jetzt eine „dringend erforderliche, breite öffentliche Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung“. Diese Diskussion müsse, „über rein virologische Fragen hinaus, ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen“ umfassen.

Der Mediziner ist überzeugt, dass man derzeit „von den (richtigen) Strategien Containment (Eindämmungsstrategie), Protection (Schutzstrategie für vulnerable Gruppen) und Mitigation (Folgenminderungsstrategie)“, die im nationalen Pandemieplan des Robert-Koch-Institutes (RKI) beschrieben sind, „komplett abweicht und derzeit ausschließlich Containment betreibt, was angesichts der Fallzahlen dringend überdacht werden sollte“.

Keine Übersterblichkeit in der Gesamtbevölkerung durch Corona

So kam es in der Vergangenheit zur „schnellen Isolierung von Indexfällen beziehungsweise zur Quarantänisierung von Kontaktpersonen“, schreibt Gottschalk weiter. Ob dies „bei einer Erkrankung, die zum weitaus größten Teil bei den Patienten leicht oder gar asymptomatisch verläuft, sinnvoll ist, muss bezweifelt werden, zumal der Preis neben der massiven Gefährdung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen eine völlige Auflösung der gängigen Arbeitsabläufe in den Gesundheitsämtern ist, die ihre vielfältigen präventiven Aufgaben nicht mehr wahrnehmen können“.

Nach Auswertung vieler Daten des Statistischen Bundesamtes stellt Gottschalk in seiner Bilanz zudem fest: „Eine Übersterblichkeit ist weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Gruppe der Hochrisikopatienten (Bewohner von Altenpflegeheimen) zu verzeichnen. Die Sterbestatistik (tägliche Sterbefälle) zeigt im ersten Halbjahr 2020 keine Auffälligkeiten – im Gegensatz zu der erkennbar höheren Sterbezahl während der Influenza-Zeiten 2017 und 2018 sowie während der Hitzeperiode im Juli 2018.“

Zudem werden laut dem Amtsarzt „nach anfänglich vielen schweren Covid-19-Verläufen und Todesfällen, die aber nicht zwingend durch SARS-CoV-2 hervorgerufen wurden“, seit „Monaten weniger schwere Erkrankungen mit weniger Krankenhauseinweisungen gemeldet“, obwohl die „Meldezahlen im August durch die Zunahme an Tests bei Reiserückkehrern aus Risikogebieten beziehungsweise bei Besuchern von großen Familienfeiern deutlich zugenommen haben“.

In Bezug auf Schulen und Kitas schreibt der Professor, dass „Kinder, insbesondere kleine Kinder in Kitas, allenfalls ausnahmsweise in der Lage sind, Erwachsene anzustecken“. Es gebe auch „keine Hinweise, dass die schrittweise Wiedereröffnung der Schulen zu einer erkennbaren Zunahme der Infektionen bei Kindern und Schulpersonal geführt hat“. Die Schule sei demnach kein „Hochrisikoarbeitsplatz“.

Auch die derzeit geführte Diskussion der Übertragungsmöglichkeit durch Aerosole sei „von der Realität weit entfernt: Wäre dies ein wichtiger Übertragungsweg, hätten wir eine gänzlich andere epidemiologische Ausbreitung“.

Mit Blick auf den Verlauf und die Ausprägung der Pandemie sowie bisher vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen bedarf es nach Meinung des Amtsarztes „dringend einer breiten öffentlichen Diskussion zu den Zielen und Mitteln der Pandemie-Bekämpfung“.

Diese Diskussion müsse, „über rein virologische Fragen hinaus ethische Aspekte sowie rechtliche Fragen zum legitimen Zweck, der Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der Maßnahmen umfassen“. Zugleich betont Gottschalk, dass er nicht missverstanden werden wolle: „Wir nehmen Covid-19 durchaus als eine ernst zu nehmende Situation wahr.“ Dennoch sei ein Diskurs angebracht.