Berlin - Eine Reihe namhafter Kinderärzte, Psychologen und Virologen aus ganz Deutschland hat sich in einem dramatischen Appell an die Bundesregierung gewandt. Veröffentlicht wurde der Brief auf der Seite des Vereins Initiative Familien. In dem offenen Brief kritisieren sie die aktuelle Corona-Politik vor allem in Hinblick auf Kinder und Jugendliche scharf. Das Hin und Her beim Infektionsschutz dürfe nicht länger auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. In dem gerade beschlossenen Entwurf zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes ist ein Ende des Präsenzunterrichts ab einer Inzidenz von über 200 vorgesehen.

Adressiert ist der Appell an „die Bundeskanzlerin, die Ministerpräsidenten und -präsidentinnen der Länder und die Bundestagsabgeordneten“. Unterschrieben ist der Brief unter anderem von Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Prof. Dr. Detlev Krüger, ehemaliger Direktor, Institut für Medizinische Virologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Prof. Dr. med. Stefan Willich, Direktor, Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie, Charité – Universitätsmedizin Berlin. 

Steigende Gewalt in den Familien und Ausfall von Lehrstoff

In dem Brief heißt es: „Wir wenden uns ausdrücklich gegen jede Art von automatischen Einschränkungen des Regelbetriebs in Schulen und Kitas in Abhängigkeit von Melde-Inzidenzen im Infektionsschutzgesetz“, schreiben die Verfasser. Corona-Studien an Schulen und Kitas in Berlin hätten gezeigt, dass auch bei hohen Infektionszahlen in der Bevölkerung mit den Hygienemaßnahmen, die in der Hauptstadt im Einsatz sind, das Ansteckungsrisiko in Schulen und Kitas gering sei. Demnach seien automatische Schulschließungen nicht nötig.

Angesichts steigender Gewalt in den Familien und dem Ausfall von Lehrstoff zeigen sich die Verfasser besorgt. „Die Solidarität, die wir Kindern bereits seit Monaten abverlangen, geht auf Kosten ihrer Bildungs- und Entwicklungschancen, ihrer psychischen Gesundheit und ihrer körperlichen Unversehrtheit.“ Die Kinder- und Jugendärzte sowie Psychologen unter den Unterzeichnern beobachten seit Wochen einen „starken Anstieg an Angst- und Schlafstörungen, Depressionen und Suizidgedanken unter Kindern und Jugendlichen“. Sie fordern daher ein sofortiges Ende von „Infektionsschutz zu Lasten der Gesundheit und der Entwicklungschancen von Kindern.“

Angst- und Schlafstörungen, Depressionen und Suizidgedanken bei Kindern nehmen zu

Weiter äußern die Verfasser Kritik an der aktuellen Impfstrategie der Bundesregierung. Dass noch immer viele Lehrerinnen und Lehrer nicht geimpft sind, sehen die Verfasser zwar kritisch, das sei aber noch kein Grund für die geplanten automatischen Schulschließungen. „Wenn das Impfen aus logistischen Gründen oder aufgrund politischer Entscheidungen nur langsam vorankommt, kann dies nicht bedeuten, dass Kinder noch länger ihr Recht auf Bildung, ihre Entwicklungschancen und ihre Gesundheit zur Disposition stellen müssen!“ Bei Kindern komme es selten zu einer schweren Covid-19-Erkrankung.

Unterzeichnet wurde der Brief an die Bundeskanzlerin, die Ministerpräsidenten der Länder und den Bundestag der „Initiative Familien“ unter anderem von Professorinnen und Professoren der Berliner Charité und vielen weiteren Wissenschaftlern, Psychologen und Therapeuten renommierter Institute und Kliniken. Auch die WHO, UNICEF, das ECDC und zahlreiche weitere internationale und nationale Institutionen fordern seit Monaten, Schulen und Kitas„ nur im äußersten Notfall zu schließen,“ wie es in dem Brief weiter heißt.

Den gesamten Brief im Wortlaut sowie die Liste der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner finden Sie hier.