Berlin/Hamburg - In der Debatte um sexuellen Kindesmissbrauch geht es vor allem um männliche Täter. Dass auch Frauen sexualisierte Gewalt gegen Kinder ausüben: Darüber wird wenig gesprochen und berichtet. Das Thema sei ein gesellschaftliches Tabu, heißt es von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Entsprechend wenig wisse man auch in Forschung und Therapie über Frauen als Sexualtäter. Wer sind sie, was treibt sie an und wie ergeht es ihren Opfern? Damit haben sich nun Experten des Uni-Klinikums Hamburg-Eppendorf in einer wissenschaftlichen Untersuchung befasst.           

Die Forscher befragten im Rahmen von zwei anonymen Online-Studien einerseits Opfer, die sexualisierte Gewalt durch Frauen erlebt haben, und andererseits Frauen, die sexuelles Interesse an Kindern zeigen. Zudem werteten die Experten des Instituts für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie vertrauliche Anhörungen und Berichte aus.    

Die Erkenntnisse aus der Studie:

  • Auch Frauen üben sexualisierte Gewalt gegen Kinder aus.
  • Die Mehrheit der Opfer berichtet, dass der sexuelle Missbrauch in der frühen Kindheit begann und über mehrere Jahre andauerte.
  • Häufig wurde die Gewalt von Personen aus dem Familienkreis der Betroffenen ausgeübt.
  • In den meisten Fällen war die eigene Mutter die Täterin.
  • Die beschriebenen sexuellen Handlungen zeigen eine große Bandbreite: Diese reicht bis hin zu schwerer sexualisierter Gewalt im Kontext der organisierten Kriminalität.
  • Die Mehrheit der Täterinnen fühlt sich sexuell gleichermaßen zu männlichen und weiblichen Personen hingezogen. 
  • Mehr als die Hälfte zeigt Hinweise auf die Diagnose einer pädophilen Störung. Allerdings geben die wenigsten Frauen an, dass ihr sexuelles Interesse auf Kinder begrenzt ist.
  • Bei der Mehrzahl der Frauen besteht eine geringe Motivation, ihr sexuelles Interesse an Kindern zu ändern. 
  • Einige der befragten Frauen haben jedoch aufgrund ihres sexuellen Interesses an Kindern bereits professionelle Hilfe gesucht.

Die Forscher konnten mit Blick auf die Täterinnen vier Täter-Typen identifizieren. Dabei geht es auch um vier unterschiedliche Strategien oder Vorgehensweisen bei der Ausübung sexualisierter Gewalt gegen Kinder.

Vier Typen von Täterinnen:

  • Die sadistische Täterin, die ein starkes Ausmaß an Gewaltanwendung zeigt.
  • Die „parentifizierende“ Täterin, die in den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen Ersatz für erwachsene Sexualpartner sieht.
  • Die vermittelnde Täterin, die betroffene Kinder dritten Tatpersonen zuführt.
  • Die instruierende Täterin, die oft im Kontext von organisierten Gewaltstrukturen auftritt.

Frauen als Täter: Subtiles Vorgehen und seelische Manipulation

Prof. Dr. Johanna Schröder vom Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie sagt: „Die Auswertungen ergaben auch, dass sexualisierte Gewalt durch weibliche Täterinnen für Betroffene und das Umfeld schwerer zu erkennen ist als sexualisierte Gewalt durch männliche Täter.“ Es werde bei Täterinnen beispielsweise von einer subtileren Vorgehensweise und mehr seelischer Manipulation berichtet. „Aufgrund der starken Tabuisierung fällt Betroffenen das Sprechen über die sexualisierte Gewalt durch eine Frau besonders schwer – das Vertrauen ist stärker erschüttert und Schamgefühle werden stärker empfunden als bei sexualisierter Gewalt durch einen Mann“, so Schröder. Viele Betroffene zeigen demnach posttraumatische Belastungssymptome und fühlen sich stigmatisiert, was das seelische Leiden noch verstärke.   

Expertin: „Tabuisierung des Themas muss beendet werden“

Aus den Erkenntnissen des Forschungsprojekts ergeben sich Empfehlungen für die weitere Forschung, Prävention und Versorgung. „Um Kinder auch vor sexualisierter Gewalt durch Frauen besser schützen und Betroffene bedarfsgerecht versorgen zu können, muss daher an erster Stelle die Tabuisierung des Themas beendet werden“, so Dr. Safiye Tozdan. Dies könne beispielsweise durch die Aufklärung der Öffentlichkeit und durch die Fortbildung von Fachleuten – auch aus Polizei und Justiz – gelingen.

Das Forschungsprojekt startete am 1. Januar 2020 und endete am 30. Juni 2021. Es wurde am Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf durchgeführt. Das Projekt wurde mit Mitteln der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs finanziert.