München/Berlin - Einen Monat nach Bekanntgabe von Entschädigungszahlungen des Landes Berlin an Pädophilie-Opfer des auch in Bayern tätigen ehemaligen Sozialpädagogen Helmut Kentler entschuldigt sich nun auch die Leitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Der Landeskirchenrat zeigte sich in einer am Mittwoch verbreiteten Mitteilung beschämt, „wie Helmut Kentler die Offenheit der evangelischen Kirche für eine aufgeklärte und emanzipierte Haltung gegenüber Sexualität genutzt und sie gleichzeitig durch seinen Einsatz für Pädophilie pervertiert hat“. Der Rat und der Landessynodalausschuss entschuldigten sich zudem dafür, sich bislang nicht von Kentler distanziert zu haben. Man wolle nun die Gründe für den kritiklosen Umgang mit ihm aufarbeiten.

Der Landeskirchenrat rief Opfer Kentlers auf, sich an die Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern zu wenden.

Anzahl der genauen Opfer vom „Kentler-Experiment“ unbekannt

Nach den Ergebnissen von zwei Forschungsprojekten zur Aufarbeitung des sogenannten Kentler-Skandals hatte der Berliner Sozialpädagoge Helmut Kentler (1928–2008) Pflegekinder und -jugendliche an vorbestrafte Pädophile vermittelt. Kentler gab die Praxis als „wissenschaftliches Experiment“ aus.

Wie viele Opfer es überhaupt gibt, ist nach Aussage der Forscher unklar. Kentler war von 1962 bis 1965 pädagogischer Referent des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal am Schliersee. Der Vorstand veröffentlichte ebenfalls am Mittwoch eine eigene Stellungnahme, in der er die Entschädigungszahlungen an die Opfer begrüßte und eine Mitschuld des Zentrums „an dem Leid, das Kentler über viele junge Menschen gebracht hat“, einräumte.