Wieder mal ist Konstantin Wecker in den Schlagzeilen. Wieder nicht wegen seiner Musik oder Poesie, sondern wegen seines für manche skandalösen Verhaltens. Dass dem Künstler, der am 1. Juni 75 Jahre alt wird, diesmal sein Pazifismus vorgeworfen wird, damit hätte Wecker nach Drogeneskapaden, Haft oder Beziehungswirrwarr wohl nicht gerechnet.

Wecker hat den vielfach als zynisch kritisierten offenen Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) mitunterzeichnet, in dem ein Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine gefordert wird. Der Liedermacher ist schon lange ein überzeugter Friedensaktivist. „Es wird immer einen Grund geben, andere zu bekämpfen. Und diesem Kampf zu entsagen, kann man nur für sich allein entscheiden“, schrieb er Ende April in einem „Pazifistischen Credo“ auf seiner Facebook-Seite. Für Presseanfragen stehe Wecker derzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Verfügung, teilte sein Büro auf epd-Anfrage mit.

Weit mehr als 700 Lieder hat Wecker bis heute vertont

Konstantin Wecker kommt 1947 in München-Lehel zur Welt. Die kunstsinnigen Eltern Dorothea und Alexander Wecker bringen ihr einziges Kind schon bald mit der Musik in Berührung. Es gibt Aufnahmen, auf denen der kleine Konstantin mit glockenhellem Sopran Operettenmelodien singt. Der Junge erhält Klavier- und Geigenunterricht, lernt als Teenager Gitarre und wird Ende der 1960er-Jahre Teil der Münchner Kleinkunstszene. Wecker nimmt im Jahr 1973 seine erste Platte auf. Der Durchbruch gelingt ihm schließlich 1977 mit „Genug ist nicht genug“.

Weit mehr als 700 Lieder hat Wecker bis heute vertont. Meist zu eigenen Texten, wie in der Ballade vom „Willy“ um einen von Rechtsradikalen erschlagenen Freund, durch die er zum Aushängeschild der intellektuellen Linken wird. Wecker erweist sich im Laufe der Jahre als wandlungsfähig und stilistisch offen. Er komponiert Filmmusik und Musicals, auch für Kinder. Auf der Bühne kennt man ihn vor allem schwitzend und hoch konzentriert am Piano sitzend, dazu sein hauchender bis leidenschaftlicher Gesang.

Konstantin Wecker: „Ich singe, weil ich ein Lied habe“

Seine Affären mit Frauen sorgten über Jahre für Stoff für die Klatschpresse. 1996 heiratet er zum zweiten Mal, mit der 27 Jahre jüngeren Annik Wecker hat er zwei Kinder. 1995 wird Konstantin Wecker wegen seines Kokainkonsums verhaftet, den er selbst im Text „Ketzerbriefe eines Süchtigen“ und seinem Roman „Uferlos“ ausführlich beschrieben hatte. Der Boulevard greift den Fall des großspurig auftretenden Musikers Wecker – mittlerweile auch Wirt einer Münchner Szenekneipe – genüsslich auf. Nach längeren gerichtlichen Auseinandersetzungen wird er zu einer Geldstrafe und 20 Monaten auf Bewährung verurteilt.

Ab den 2000er-Jahren scheint Wecker clean und produktiv wie nie zuvor. Es entstehen neue Alben. Wecker wird mit Preisen überhäuft, gründet ein eigenes Plattenlabel und nimmt sogar einen Lehrauftrag an der Würzburger Universität im Songschreiben an. Mit seinem Blog „Hinter den Schlagzeilen“ und tagespolitischen Kommentaren betritt er 2005 Neuland. Seine Facebook-Seite strotzt vor Drang, sich einzumischen und aufzurufen, meist für eine bessere Gesellschaft.

Die evangelische Theologin Margot Käßmann bewundert er als „radikale Pazifistin“ und bringt mit ihr 2015 das Buch „Entrüstet euch“ heraus. Auch wenn Wecker 2017 auf dem Evangelischen Kirchentag auftritt: Mit der Kirche hat es der in einem katholischen Elternhaus aufgewachsene Künstler nicht. Für Wecker haben der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart oder die evangelische Theologin Dorothee Sölle mehr Bedeutung. Eine Gottesbeziehung funktioniere nur im „mystischen Erkennen“, sagt er.

Wenn Konstantin Wecker nun seine Tournee zum 75. Geburtstag unter den Titel stellt: „Ich singe, weil ich ein Lied habe“, dann zitiert er damit eines seiner frühesten Lieder. Vom Frieden singen und um ihn ringen wird der rastlose Künstler mit Sicherheit auch weiterhin.