US-Historiker Timothy Snyder prophezeit Putins Niederlage

Anhand einer Analyse von acht Faktoren kommt der Yale-Professor zu einem eindeutigen Schluss: Die Ukraine wird den Krieg gewinnen. Eine Übersicht.

Die ukrainische Fahne nach der Rückeroberung der strategisch wichtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer durch die Ukraine
Die ukrainische Fahne nach der Rückeroberung der strategisch wichtigen Schlangeninsel im Schwarzen Meer durch die UkraineImago

Der Yale-Professor Timothy Snyder ist der Ansicht, dass die Ukraine aus dem Krieg mit Russland als militärischer Sieger hervorgehen wird. Zu diesem Schluss kommt der renommierte Historiker in einem Artikel für seinen Blog Thinking About. Dafür analysierte er acht Faktoren, die für den Krieg entscheidend seien.

Zeit

Russland hatte auf einen schnellen Sieg gesetzt, schreibt Snyder. Da dieser aber ausblieb, kommen andere unvorhergesehene Faktoren für den Aggressor ins Spiel. „Je länger ein Krieg andauert, desto mehr schwinden die Vorteile, die eine größere Macht hat“, resümiert der Historiker.

Wirtschaft

Russland ist die deutlich größere Volkswirtschaft im Vergleich zur Ukraine. Sobald die ukrainische Armee beginne, eine technologische Überlegenheit zu zeigen, würden sich die Sanktionen gegen Russland Snyders Ansicht nach auswirken. Russland könne dann ohne Importe nicht mehr mithalten. Langfristig wirke sich dann die wirtschaftliche Unterstützung aus dem Westen für die Ukraine aus.

Dafür müssten sich die westlichen Wirtschaftsmächte klar für die Ukraine einsetzen. Das gelte insbesondere für die deutsche Regierung. Diese solle weniger über den langfristigen Aufbau der deutschen Armee nachdenken und vielmehr die ukrainischen Kräfte heute unterstützen.

Logistik

Die Ukraine profitiere von einer Art Heimvorteil, glaubt Snyder. Da der Kampf auf ihrem eigenen Boden stattfinde, hätte sie gewisse Vorteile gegenüber den russischen Kräften. Dazu zähle etwa, dass Soldaten und Nachschub weniger große Entfernungen zurücklegen müssten. Auch die einheimische Zivilbevölkerung und Nichtregierungsorganisationen stünden auf Seiten der Ukraine.

Landschaft

Snyder weist darauf hin, dass Russland im Mai und Juni Geländevorteile in der Südostukraine kaum für sich genutzt hat. Im Norden sei die Armee von Hügeln und Wäldern aufgehalten worden, nicht so im Süden. Trotzdem sei die Armee kaum vorangekommen, so der Historiker.

Art der Kriegsführung

Wie Snyder schreibt, würden russische Soldaten nur ungern in die Nähe ukrainischer Soldaten kommen. Demnach sei es der russische Ansatz, eine Stellung zu beschießen, bis sie nicht mehr zu erkennen sei und dann die Trümmer einzusammeln. Dies geschehe ungeachtet ziviler Opfer und immenser Zerstörung ganzer Städte. Doch sobald der russische Vorteil bei der Artillerie schwinde, könne diese Taktik nicht mehr angewendet werden.

Es verändere sich Snyder zufolge dann der Charakter des Krieges. Sobald die Ukraine mithilfe von präzisen Raketenwerfern gezielt russische Munitionslager treffen werde, verlangsame sich die russische Kriegsführung. Es könnte sich ein Rückzug der russischen Truppen einstellen, folgert Snyder.

Ethos

Die Russen könnten sich – anders als die Ukrainer – jederzeit in ihr eigenes Land zurückziehen. „Man hat den Eindruck, dass viele das auch wollen“, schreibt Snyder. Russische Kommandeure scheinen Snyder zufolge oftmals nicht einmal genau zu wissen, warum sie in der Ukraine seien. Für getötete russische Soldaten gebe es kaum Anerkennung. Die ukrainischen Truppen hingegen wüssten genau, wofür sie kämpften.

Strategie

„Die anfängliche russische Invasion basierte auf Putins fehlerhaften Prämissen“, schreibt Snyder. Darin werde angenommen, dass die Ukraine aus dem Ausland oder von elitären Gruppen gesteuert werde und die Invasion vom Volk begrüßt würde. Die ukrainische Nation und der ukrainische Staat seien durch diesen Krieg verändert worden, aber nicht in einer Weise, die Russland in die Hände spiele. Die Ukraine sei als Nation bestätigt worden.

Öffentliche Meinung

Meinungsumfragen deuten auf eine große Unterstützung für den Krieg in Russland hin, doch scheine es sich um eine schwache Unterstützung zu handeln, so Snyder. Die Russen in den Städten würden den Krieg mehr oder weniger als Fernsehsendung verfolgen. Die daraus resultierende sanfte Unterstützung führe allerdings nicht zur Bereitschaft zu kämpfen. In der Ukraine ist die öffentliche Meinung dafür umso gefestigter. „Der Krieg ist Realität, kein Spektakel“, schreibt Snyder. Der Präsident und die Streitkräfte seien äußerst beliebt. Es sei unwahrscheinlich, dass sich dies in den kommenden Monaten ändern werde.

Der Yale-Professor Timothy Snyder (Archivbild)
Der Yale-Professor Timothy Snyder (Archivbild)Imago

Timothy Snyder: Die Ukraine kann den Krieg gewinnen

Der Krieg habe gezeigt, dass der ukrainische Staat und insbesondere die Zivilbevölkerung weitaus widerstandsfähiger und funktionsfähiger seien, als fast jeder gedacht hätte. Timothy Snyder fasst zusammen: „Die Ukraine ist, zumindest meiner Meinung nach, in der Lage, diesen Krieg zu gewinnen.“