Russischer Abzug aus Cherson: Ukrainer jubeln in den Straßen

Freudentränen, Hupkonzerte: Im Zentrum von Cherson wurden die ersten ukrainischen Soldaten euphorisch begrüßt. Die russische Besatzung ist beendet.

Ukrainischer Jubel über den russischen Rückzug aus Cherson.
Ukrainischer Jubel über den russischen Rückzug aus Cherson.Imago/Cover-Images

Nach dem Abzug der russischen Truppen aus der südukrainischen Großstadt Cherson haben die verbliebenen Einwohner mit ukrainischen Flaggen und Hupkonzerten das Ende der Besatzung gefeiert. Im Zentrum wurden am Freitag die ersten ukrainischen Soldaten von einigen Menschen euphorisch mit Umarmungen und Beifall begrüßt, wie auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zu sehen war. Manche weinten vor Freude auf einem großen Platz.

Cherson hatte einmal 279.000 Einwohner. Wie viele davon noch dort leben, lässt sich nicht genau sagen. Russland hatte nach eigenen Angaben zuvor Zehntausende Menschen auf den von Moskau kontrollierten Teil des Gebiets Cherson am anderen Ufer des Flusses Dnipro gebracht. Die Ukraine spricht von Verschleppung ihrer Bürger.

„WCU! WCU!“: Menschen jubeln und skandieren Schlachtruf

Zu sehen war auch, wie die blau-gelbe Fahne der Ukraine wieder auf dem Gebäude der örtlichen Gebietsverwaltung gehisst wurde. Ukrainische Soldaten liefen zu Fuß in die Stadt, begleitet vom Jubel und Beifall der Menschen bei lauter Musik. „WCU! WCU!“, riefen die Menschen. Das ist die Abkürzung für die Streitkräfte der Ukraine. Örtlichen Berichten zufolge waren die ukrainischen Einheiten auch bereits in die Kleinstadt Beryslaw unweit des Kachowka-Staudamms eingerückt.

Russland hatte zuvor den am Mittwoch angekündigten Rückzug vom rechten Ufer des Flusses Dnipro offiziell für abgeschlossen erklärt. In den Morgenstunden hätten die letzten russischen Soldaten einschließlich Technik den nordwestlichen Teil des Gebietes Cherson verlassen und sich auf das linke Ufer des Dnipro auf neue Verteidigungspositionen zurückgezogen. Örtlichen Angaben zufolge wurden dabei die zuvor schon beschädigten drei Brücken über den Dnipro gesprengt.

Cherson war als einzige Gebietshauptstadt nach dem russischen Einmarsch Ende Februar von den Russen erobert worden. Anfang Oktober hatte Moskau das Gebiet völkerrechtswidrig zu seinem Staatsgebiet erklärt. Nach dem Truppenrückzug vom rechten Dnipro-Ufer kontrolliert Russland weiter über 70 Prozent des Gebiets. Moskau sieht die Region Cherson weiter als russisches Staatsgebiet an.

Nach dem Rückzug aus Cherson: Russland startet trotzdem Angriffe

Eine Reaktion Moskaus auf die feiernden Ukrainer  gab es sofort: Kurz nach dem Abzug der eigenen Truppen aus Cherson und weiteren Orten hat Russland eigenen Angaben zufolge mit Angriffen auf die gerade erst aufgegebene Region begonnen. „Aktuell werden Truppen und Militärtechnik der ukrainischen Streitkräfte auf dem rechten Ufer des Flusses Dnipro beschossen“, teilte Russlands Verteidigungsministerium am Freitag mit.

Nur wenige Stunden zuvor hatte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow mitgeteilt, alle russischen Einheiten in dem südukrainischen Gebiet seien auf die linke Flussseite gebracht worden. Insgesamt handelt es sich laut Angaben aus Moskau um mehr als 30.000 Soldaten, die nun südöstlich des Dnipro stationiert seien.

Die ukrainische Seite hatte sich auf Angriffe auf die gerade erst zurückeroberten Orte bereits eingestellt. Die Pressesprecherin des Kommandos Süd der ukrainischen Armee, Natalija Humenjuk, erklärte am Freitag im Fernsehen, die Streitkräfte rechneten mit „massivem Beschuss“ Chersons. Das sei alleine schon durch die Nähe der neuen Verteidigungslinie der Russen auf dem gegenüberliegenden Ufer des Dnipro begründet, sagte sie.