HamburgDeutsche Militärwissenschaftler fordern internationale Regeln für den Einsatz von Biotechnologie in Kriegen. Weil die technischen Möglichkeiten für die Leistungssteigerung von Soldaten ungehemmt eingesetzt werden könnten, sei es nötig, ihre Anwendung besser zu beobachten und zu regeln, so Flottillenarzt Dr. Christian Haggenmiller, Forscher beim Bundeswehr-Thinktank German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS).

Haggenmiller leitet eine Arbeitsgruppe in einem militärischen Forschungsverbund (Multinational Capability Development Campaign/MCDC), in dem Nato, EU und 22 Staaten zusammenarbeiten. Der Mediziner befasst sich mit leistungssteigernden und -mindernden Anwendungen am Menschen. Es geht um den Einsatz von Biosensoren, Implantaten, Roboteranzügen zur Unterstützung des menschlichen Bewegungsapparates und Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine.

„Ohne dass ich meiner Arbeitsgruppe beim MCDC vorweggreifen möchte: Ich empfehle dringend die Schaffung eines multinationalen, interdisziplinären Zentrums zur Beobachtung und Bewertung potenzieller Gefahren“, so Haggenmiller. „Das enorme Feld der Biotechnologie wird unsere Gesellschaften massiv beeinflussen und ein wesentliches Element künftiger Kriege sein“, sagte er.

Bei der Bundeswehr ist leistungssteigernde Einsatz von Medikamenten verboten. In der Erprobung sind sogenannte Exoskelette. Dabei handelt es sich um Maschinen, die man sich anziehen kann und die beim Heben und Tragen schwerer Lasten helfen. Haggenmiller geht davon aus, dass andere Länder mehr Geld für solche Projekte aufbringen. „Andere Nationen haben eben weniger Scheu vor manchen Entwicklungen, ein anderes ethisches und juristisches Verständnis“, so der Forscher.

Forscher: Brauchen eine Debatte

Ein ernstes Problem entstehe, wenn Biotechnologie in Zukunft leichter handhabbar werde. Kriminelle oder terroristische Organisationen könnten dann in den Besitz von Biowaffen gelangen, indem sie Viren, Bakterien oder Sporen modifizieren. „Wir müssen Regeln und Instanzen schaffen, bevor Gestalt annimmt, was gestern noch Fiktion war“, sagte Haggenmiller.

Er betrachtet die Forschung als einen Beitrag zur Sicherheitsvorsorge: „Ich analysiere, sensibilisiere und stelle die extrem dynamischen, teils brisanten Entwicklungen zur Diskussion, heiße sie aber nicht gut. Weder als Wissenschaftler noch als Staatsbürger in Uniform.“ Er fügte hinzu: „Für mich ist immens wichtig, dass wir das Vordringen in Grauzonen und darüber hinaus verhindern. Dazu brauchen wir in Deutschland und international eine öffentliche Debatte.“