München/ Berlin - Der Münchner Wirtschaftsethik-Professor Christoph Lütge ist vom bayerischen Kabinett unter Markus Söder entlassen worden. Lütge hatte zuvor mehrfach und öffentlich den Lockdown sowie die strengen Corona-Verordnungen kritisiert. Unter anderem hatte er vor „vielen Kollateralschäden“ gewarnt. Zu den Beschlüssen dieser Woche und der Lockdown-Verlängerung bis zum 7. März hatte der Lehrstuhlinhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls der Technischen Universität München getwittert: „Die heutigen Beschlüsse machen fassungslos. Einfach nur fassungslos. Merken Merkel, Söder und Co. nicht, wie stark längst die Stimmung gekippt ist?“

Ende Januar hatte Lütge ebenfalls bei Twitter mitgeteilt: „Für ‚verstörend‘ halte ich die Politik hierzulande, die seit Monaten ständig neue Drohkulissen aufbaut und Angst und Panik verbreitet. Das ist unverantwortlich.“ Zudem hatte er die Virologin und Merkel-Beraterin Melanie Brinkmann in einem Tweet direkt scharf kritisiert.

Ein Sprecher der Staatsregierung in München bestätigte Lütges Entlassung am Freitag. „Grund hierfür waren wiederholte öffentliche Äußerungen von Herrn Professor Lütge, die mit der verantwortungsvollen Arbeit im Ethikrat nicht in Einklang zu bringen sind und auf Dauer dem Ansehen des Gremiums Schaden zufügen könnten“, sagte der Sprecher der dpa.

„Merken Merkel, Söder und Co. nicht, wie stark die Stimmung gekippt ist?“

Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung hatte der bayerische Staatskanzleichef Florian Herrmannn (CSU) über Lütge zuvor bereits gesagt, dieser überschreite mit „fragwürdigen Beiträgen“ die „Grenze eines durchaus kontroversen und fachlich fundierten Diskurses“. Seine „Einzelmeinung provoziert häufig den Beifall von ausgewiesenen Corona-Leugnern“ und schade somit dem Ansehen des Bayerischen Ethikrates, sagte Herrmann weiter.

Lütge: Lockdwon-Maßnahmen sind völlig unverhältnismäßig

Dem Bayerischen Rundfunk bestätigte Lütge seinen Rauswurf. Zwar wolle er, so der BR, den Rauswurf „nicht kommentieren“, er spreche „für sich“. Die Entlassung habe ihn aber „überrascht“, denn eigentlich sollte der Ethikrat „kritisch und ergebnisoffen“ arbeiten. Und das, so Lütge laut BR, nicht nur „verschwiegen“, sondern auch und gerade „öffentlich“. Zudem wiederholte Christoph Lütge seine Aussage, die „Lockdown-Maßnahmen“ seien „völlig unverhältnismäßig“.

Susanne Breit-Keßler, die Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates und frühere Münchner Regionalbischöfin, begrüßte die Entlassung des Professors im Bayerischen Rundfunk. Der BR zitiert die Frau mit den Worten, sie habe „die Entscheidung der Staatsregierung ohne jeden Widerspruch zur Kenntnis genommen, weil sich Prof. Lütge mehrfach öffentlich geäußert hat und das immer in seiner Funktion als Mitglied des Ethikrates“.

„Ich halte Corona nicht für ungefährlich“

Wenige Tage vor seiner Entlassung am 2. Februar hatte Lütge schließlich getwittert: „Ein Letztes noch: es muss möglich sein, begründete und evidenzbasierte Kritik an politischen Maßnahmen und Konzepten zu äußern, ohne gleich in irgendwelche Ecken gestellt zu werden. Wenn das nicht mehr möglich ist, ist die Demokratie am Ende. Das können wir nicht wollen.“