Der Berliner Schauspieler Lars Eidinger bei der Verleihung des Schauspielpreises 2020.

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BerlinDer Berliner Theaterstar Lars Eidinger ist von Debatten mit überhöhtem moralischen Anspruch genervt. „Überall ploppen im Moment wahnsinnig komplexe Debatten auf, aber nur in den seltensten Fällen gibt es den Raum, sich dazu in aller Komplexität zu äußern“, sagte der 44-Jährige der Neuen Osnabrücker Zeitung von Freitag. Lars Eidinger zeigt sich zudem „alarmiert“ über die Debattenkultur. „Die Kunst muss frei sein. Wenn man sich moralisch einschränken lässt, wenn einem immerzu Böses unterstellt wird, dann werden wir über kurz oder lang verstummen.“ 

Eidinger weiter: „Und dann sind die Debatten so moralisch. Das wundert mich am meisten, wie viele bereit sind, sich moralisch über andere zu erheben. Schon weil das voraussetzt, dass es überhaupt Gut und Böse gibt. Nicht mal daran glaube ich.“

Im weiteren Gespräch nennt Eidinger ein Beispiel aus seiner Arbeit als Schauspieler. „Für Richard III. wurde mir schon Crippling up vorgeworfen. Das ist so ähnlich wie Blackfacing. Ich spiele einen Behinderten, feiere damit Erfolge – und das darf ich nicht. Weil: ich bin ja gar nicht behindert.“

Dieser Logik will Eidinger aber nicht folgen. „Wo ist da die Grenze? Wenn ich jemanden spiele, der traurig ist, und es selbst gar nicht bin, erhebe ich mich dann nicht über alle, die wirklich traurig sind? Der Raum wird wahnsinnig eng. Und das empfinde ich als Bedrohung.“

Zudem ist die um sich greifende Angst vor einem Shitstorm nach Eidingers Worten „fatal, auch künstlerisch“. Sie beträfe sogar Weltstars: „Als ich mit Meryl Streep in der Berlinale-Jury war, hat sie gesagt: Du kannst deine Glaubwürdigkeit mit einem Satz zerstören“, so der Schauspieler. „Das ist bitter. Meryl Streep wirkt so unangreifbar; ihr wird so viel Liebe entgegengebracht. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, die mich für einen einzigen Satz verurteilt. Ich wünsche mir eine Kultur des Scheiterns. Aber wer Fehler macht, wird bestraft.“

Der Schauspieler stand zuletzt selbst im Zentrum eines Shitstorms. Er hatte eine teure Aldi-Tasche aus Leder entworfen und dann im Obdachlosen-Look posiert. Jetzt sagte Eidinger der NOZ: „Was die Tasche angeht, war es ein Missverständnis“. Er frage sich, was die Leute „mir unterstellen: dass ich mich bereichern wollte? Oder über Obdachlose lustig machen? Ich finde Hochglanzwerbung, die Armut ausklammert, wesentlich zynischer. Genauso wie Produkte zu tragen und auszublenden, wer sie zusammennäht“.