Glasgow - Nach einer Woche Klimagipfel in Glasgow hat die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer eine vernichtende Zwischenbilanz gezogen. „Wie erwartet, dreht sich sehr viel um mehr oder weniger leere Reden“, sagte Neubauer der Neuen Osnabrücker Zeitung (Samstag).

„Das Abkommen zum Schutz der Regenwälder symbolisiert eher, was hier schiefläuft: dass man sich auf Abkommen einigt, deren Ziele viel zu weit in der Zukunft liegen, und ohne konkreten Plan, wie sie eingehalten werden.“ Das sei „die Klimadiplomatie der vergangenen 40 Jahre“, so die 25-Jährige von der Umweltbewegung Fridays for Future. Weitere neun Jahre Rodungen abzunicken sei „lächerlich, denn die Entwaldung muss natürlich sofort gestoppt werden“.

Neubauer: Versprechen bleiben nutzlos

Auch die Übereinkunft zur Methan-Reduzierung ist aus Sicht von Neubauer „nicht radikal genug“, um die globalen Klimaziele einzuhalten. Sie setze keine Hoffnung in die Regierungen, so Neubauer. „Solange sie zu Hause nicht ihre Hausaufgaben machen, das Vereinbarte nicht umsetzen, so lange bleiben die ganzen Versprechen nutzlos.“

Die Klimaaktivistin kritisierte weiter: „Der Trend, sich für Ziele feiern zu lassen, die nicht ausreichen, und die Ziele dann nicht einzuhalten und davon abzulenken, indem man wieder neue Ziele vereinbart, der zieht sich seit Jahrzehnten durch die Klimadiplomatie.“

Müller: Beschlüsse reichen nicht aus, um 1,5 Grad-Ziel zu erreichen

Auch der geschäftsführende Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat die bisherigen Verhandlungsergebnisse auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow kritisiert. „Die sich abzeichnenden Beschlüsse reichen nicht aus, das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen“, sagte Müller dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag). „Auch die Unterstützungsangebote für die Entwicklungsländer, selbst wenn sie voll umgesetzt werden, sind absolut unzureichend zur Anpassung an den bereits stattfindenden Klimawandel.“

„Die Entwicklungsländer und der afrikanische Kontinent dürfen nicht die Verlierer des Klimawandels sein“, sagte Müller. Während die Industrie- und Schwellenländer historisch und aktuell die Hauptemittenten von CO2 seien, trügen die Entwicklungsländer und besonders Afrika die Hauptlast der Erderwärmung und ihrer Konsequenzen. Hier hätten bereits Millionen Menschen durch den Klimawandel ihre Lebensgrundlagen verloren.

Experten: Erde steuert auf Erwärmung von 2,7 Grad zu

„Notwendig ist ein Klimalastenausgleich von Reich zu Arm“, sagte Müller. Dazu sei ein Investitionsprogramm sowohl privater als auch öffentlicher Institutionen nötig, um in eine globale Energiewende, den Aufbau der erneuerbaren Energien und eine nachhaltige Industrialisierung gerade in den Entwicklungsländern zu erreichen. „Diese Länder benötigen jetzt grüne Finanzströme in Infrastruktur, Industrialisierung und Klimaanpassung“, so Müller.

Auch für Samstag sind schottischen Glasgow und weiteren Städten weltweit Demonstrationen für mehr Klimaschutz geplant. Am Freitag waren in Glasgow bereits tausende junge Menschen einem Protestaufruf von Fridays for Future gefolgt und hatten konkretere Maßnahmen gegen den Klimawandel gefordert. Am Samstag werden den Organisatoren zufolge nun bis zu 50.000 Teilnehmer in Glasgow erwartet, darunter auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Bei der Weltklimakonferenz verhandeln Vertreter von 197 Nationen in Glasgow über die weitere Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015. Das Abkommen sieht die Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, idealerweise 1,5 Grad, im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter vor. Experten und die UNO warnen aber, dass die Erde derzeit auf eine Erwärmung von 2,7 Grad in diesem Jahrhundert zusteuert.