Berlin - Die soziale Distanzierung als Maßnahme gegen die COVID-19-Pandemie hat weitreichende gesellschaftliche Folgen, die aus öko­nomischer Perspektive bislang kaum diskutiert wurden. Dies geht aus einer Untersuchung des Leibniz-Instituts für Wirtschafts­forschung Halle (IWH) hervor. „Die Erfahrung der sozialen Isolie­rung führte dazu, dass die Teilnehmenden unserer Studie eher egoistische Entscheidungen treffen“, sagt Studienautorin Sabrina Jeworrek, Juniorprofessorin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Forschungsgruppenleiterin in der Abteilung Strukturwandel und Produktivität am IWH.

Eine Studie aus Spanien hatte bereits nachgewiesen, dass die Spendenbereitschaft während der Pandemie abgenommen hatte. Die IWH-Studie untersuchte nun, ob die soziale Distanzierung eine Erklärung für die beobachtete Verhaltensänderung dar­stellen kann. Da die IWH-Studie Ende Mai 2021 während weitreichender Lockerungen in Magdeburg und des damit einhergehenden Gefühls der Erleichterung durchgeführt wurde, scheint sich die soziale Distanzierung auch über den Lockdown hinaus auszu­wirken. Allerdings beinhaltet die Studie auch eine gute Nachricht: „Die Probanden legten ein prosozialeres Verhalten an den Tag, nachdem wir sie an geltende Normen erinnert hatten“, sagt Jeworrek.

Online-Experimente mit rund 500 Studierenden

Für die Studie führten Sabrina Jeworrek und Joschka Waibel zwei Online-Experimente mit mehr als 500 Studierenden der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg durch. In beiden Experimenten wurden die Teilnehmenden zufällig in zwei Gruppen geteilt – eine Gruppe, die mit gezielten Fragen zu persönlichen Erfahrungen und Empfindungen während des Lockdown bewusst an die soziale Distanzierung erinnert wurde, und eine neutrale Kontrollgruppe. Bei beiden Experimenten wurde den Teilnehmenden fol­gende Situation vorgestellt: Eine Person und eine Wohltätigkeitsorganisation erhalten jeweils den gleichen Geldbetrag. Die Person kann sich aus dem Budget der Wohltätig­keitsorganisation bedienen oder dieses durch eine Spende aus dem eigenen Budget erhöhen.

Im ersten Experiment mussten die Teilnehmenden die soziale Angemessenheit der verschiedenen Handlungsoptionen der zuvor beschriebenen Situation beurteilen. „Hierbei beobachteten wir keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Das Wachrufen von Erinnerungen an die soziale Distanzierung hatte offensichtlich keinen Einfluss auf die zugrunde liegende Norm, die Verhalten in einer solchen Situation als sozial angemessen oder unangemessen beschreibt“, erläutert Sabrina Jeworrek. Im zweiten Experiment schlüpften neue Teilnehmende dann tatsächlich in die Rolle der Person, die einen Geldbetrag erhält und zugleich das Budget der Wohltätigkeitsorgani­sation verwalten darf.

Lebendige Erinnerungen an den Lockdown

Hier traten deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen auf. Die Kontrollgruppe nahm der Wohltätigkeitsorganisation einen deutlich kleineren Geldbetrag weg als die Gruppe mit den lebendigen Erinnerungen an den Lockdown. „Die Ergebnisse zeigen, dass die Aktivierung von Erinnerungen an soziale Isolation zu egoistischeren monetären Allokationsentscheidungen führt. Wurden die Teilnehmen­den aber zusätzlich darauf aufmerksam gemacht, wie sich Teilnehmende einer ande­ren Studie in einer vergleichbaren Situation verhalten haben, konnte der negative Effekt der sozialen Distanzierung abgemildert werden“, erklärt Jeworrek.

Damit belegt die Studie auch, dass das Hervorheben von Werten und Normen gerade jetzt wichtig ist. Vorbildliches Verhalten ins Rampenlicht zu rücken, kann ein wichtiges Instrument sein, um die sozialen Negativfolgen des Lockdowns abzufedern. Die Studie zeigt ebenfalls, dass digitale Medien offenbar kein ausreichender Ersatz für mensch­liche Nähe sind. „Gerade junge Menschen wie unsere Studierenden sind zwar mit Familie und Freunden über Videotelefonie oder soziale Medien in Kontakt geblieben. Dennoch nahmen sich knapp 80% als sozial isoliert wahr“, erläutert Sabrina Jeworrek.