„Letzte Generation“ sägt Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor ab

Die Klimaaktivisten sorgten am Mittwoch erneut für Aufmerksamkeit. Mit einer Hebebühne und einer Handsäge machten sie sich an der Tanne auf dem Pariser Platz zu schaffen.

Am Mittwoch sägten Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ die Spitze des Weihnachtsbaumes vor dem Brandenburger Tor ab. Touristen fiel das aber gar nicht auf.
Am Mittwoch sägten Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ die Spitze des Weihnachtsbaumes vor dem Brandenburger Tor ab. Touristen fiel das aber gar nicht auf.Emmanuele Contini

Auf dem Pariser Platz macht Inna, eine Ukrainerin aus Charkiw, im Nieselregen ein Foto ihrer Mutter, im Hintergrund der mit großen weißen Kugeln behangene Weihnachtsbaum vor dem Brandenburger Tor, der am Morgen noch 15 Meter hoch war. Inna und ihrer Mutter aber fällt gar nicht auf, dass er jetzt deutlich kürzer ist. Sie haben nicht mitbekommen, dass die Nordmanntanne am Morgen mit einer Handsäge um gute zwei Meter gekürzt wurde. Und auch nicht, dass dies eine politische Aktion der „Letzten Generation“ war. Auch die vielen Journalisten mit ihren Kameras und Mikrofonen, die verzweifelt nach den letzten Touristen auf dem Platz Ausschau halten, um sie zur Aktion zu befragen, haben sie nicht bemerkt.

Erst jetzt, als Inna darauf angesprochen wird, bemerkt sie die fehlende Spitze des Baums. Und sie regt sich auf Englisch darüber auf: „Crazy people“, seien die, die solche Aktionen machen würden, sagt sie, verrückte Menschen. Es sei eine Schande, dass die Aktivisten nur Dinge zerstören wollten, den Baum, die Gemälde in den Museen, den Verkehr auf den Straßen, aber keine Vorschläge machen würden. Sie scheint nicht darüber informiert zu sein, dass die „Letzte Generation“ durchaus Vorschläge macht, oder viel mehr Bedingungen aufstellt, unter denen sie ihren Protest für mehr Klimaschutz einstellen würde: ein Tempolimit auf deutschen Straßen und ein 9-Euro-Ticket.

Fast sieht der abgesägte Baum vor dem Brandenburger Tor ganz normal aus.
Fast sieht der abgesägte Baum vor dem Brandenburger Tor ganz normal aus.Emmanuele Contini

Was nun aber ein abgesägter Weihnachtsbaum mit Klimaschutz zu tun haben soll, das rätseln viele auf dem Pariser Platz an diesem grauen Dezembertag. Für Thomas Lahnert, ein Taxi-Fahrer, der in Lederjankerl und Lederhut vor dem Hotel Adlon steht, ist dies zumindest die bessere Protestform, als sich auf der Straße festzukleben. „Das ist ziviler Ungehorsam, das muss eine Gesellschaft aushalten“, sagt der Mann, die Selbstgedrehte im Mundwinkel.

Lahnert, der seit über 30 Jahren mit seinem eigenen Taxi durch Berlin fährt, hat die Aktion aus seinem Auto heraus beobachtet: Wie zwei Aktivisten in roten Warnwesten gegen 9.20 Uhr mit einer eigens mitgebrachten Hebebühne rauf zur Spitze fuhren. Wie an der Hebebühne ein Transparent befestigt war, auf dem „Das ist nur die Spitze des Weihnachtsbaums“ stand. Wie die Polizei, die hier zu jeder Tageszeit mit mehreren Einsatzwagen zur Stelle ist, trotzdem nur dabei zusah und wie später einer der Beamten den Aktivisten sogar eine Christbaumkugel reichte, die heruntergefallen war. Später wird man von einem Polizeisprecher erfahren, die Polizisten dachten zunächst, es handele sich um Wartungsarbeiten am Baum.

Klimaschutz ist auch ein PR-Job geworden

Dass dies weit mehr war, erklärt am Nachmittag auch die inzwischen fast schon berühmt gewordene Sprecherin der „Letzten Generation“, Carla Hinrichs. In ihrer gewohnt monotonen, aber gleichzeitig flehentlichen Art, einem Roboter nicht unähnlich, spricht sie in eine Kamera nach der nächsten die immer selben Worte: Dies sei nur die Spitze der darunter liegenden Klimakatastrophe, die Zeit laufe allmählich ab, noch wirkungsvolle Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Während alle Menschen in diesen Tagen die besten Geschenke aus den größten Läden kauften, würden sich in anderen Teilen der Welt die Menschen fragen, woher sie ihr Wasser zum Trinken bekommen sollten, nachdem Dürren und Fluten ihre Ernte vernichtet hätten.

Wie sie denn nun, nach kräftezehrenden Tagen auf den Autobahnen der Republik und mit Kartoffelbrei bewaffnet in Museen, ausgerechnet auf den Weihnachtsbaum am Brandenburger Tor gekommen seien, möchte man gerne von ihr wissen. „Dieser Baum wird jeden Tag von 100.000 Menschen fotografiert“, sagt Hinrichs dieser Zeitung. Deswegen sei er für eine politische Botschaft prädestiniert. Dann muss sie schon weiter zur nächsten Kamera. Klimaschutz ist auch ein PR-Job geworden.

Das Ziel der Aktivisten sei ehrenwert findet Linde Bischoff, eine Ost-Berliner Malerin, die gerade aus der Akademie der Künste gekommen ist. „Wir müssen etwas für unsere Natur tun“, sagt die ältere Dame, die den Platz noch zu Wende-Zeiten vor Augen hat. Auch damals hätten Menschen für das Überleben gekämpft sagt sie, „das tun wohl alle Generationen auf ihre eigene Weise“. Warum bei dieser Aktion aber ausgerechnet ein Baum abgesägt werden musste, das verstehe sie nicht so ganz. Was hat das mit Klimaschutz zu tun? Aber immerhin: „Der Baum sieht doch super aus, so zurechtgeschnitten.“


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