München - Zweimal mussten die Kinder in das schulisch angeleitete Lernen zu Hause: im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 und dann wieder Anfang 2021, als die zweite Welle Deutschland voll im Griff hatte. Weit mehr als ein halbes Jahr lag zwischen den beiden Lockdowns – genug Zeit für die Schulpolitik, um Maßnahmen zu ergreifen. Dennoch fanden sich Schülerinnen und Schüler in der praktisch gleichen Situation wieder wie vor einem Jahr. Welche konkreten Auswirkungen die Schulschließungen auf die Lernsituation hatten, untersuchte das Ifo-Institut in seiner jüngsten Publikation, die am Dienstag vorgestellt wurde.

Die Schulschließungen zu Jahresbeginn haben bei Kindern und Jugendlichen der Studie zufolge tiefe Spuren hinterlassen. Im Schnitt gingen ihnen pro Tag mehr als drei Stunden Lernzeit verloren, wie eine Befragung durch das Münchner Forschungsinstitut zeigt. Statt 7,4 Stunden pro Tag lernten die Schüler nur noch 4,3 Stunden – das ist weniger Zeit, als sie mit Computerspielen, sozialen Netzwerken oder am Handy verbrachten.

Kein gutes Zeugnis für die Schulpolitik

Die Forscher stellen der Schulpolitik in ihrer Studie kein gutes Zeugnis aus – auch weil sie nur relativ geringe Verbesserungen zum ersten Lockdown feststellten. Trotz „langer Vorlaufzeit und nach eindringlichen Appellen von Eltern und Wissenschaft“ sei es nicht gelungen, eine angemessene Beschulung aller Kinder im Distanzunterricht sicherzustellen. Die Ergebnisse seien „ernüchternd“.

Unter anderem beklagen die Forscher, dass zu wenige Kinder regelmäßig gemeinsamen Video-Unterricht haben. Bei 39 Prozent der Kinder war dies maximal einmal pro Woche der Fall. Für mehr als ein Drittel der Schulkinder sei der Schulalltag somit während der Schließungen fast ausschließlich vom eigenständigen Erarbeiten von Unterrichtsstoff geprägt gewesen. Dies könnte einer der Faktoren sein, der zu der erhöhten psychischen Belastung der Kinder während der letzten Schulschließungen geführt hat, die inzwischen die Hälfte der befragten Eltern bei ihren Kindern angibt.

Nichtakademiker-Kinder trifft die Situation besonders hart

„Besonders bedenklich ist, dass 23 Prozent der Kinder sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit der Schule beschäftigt haben“, sagte der Leiter des Ifo-Zentrums für Bildungsökonomik, Ludger Wößmann. „Die Corona-Krise ist eine extreme Belastung für die Lernentwicklung und die soziale Situation vieler Kinder.“

Eine weitere Problematik, die die Studie hervorhebt, sind die Hilfsangebote. Diese wurden generell von zu wenigen Kindern in Anspruch genommen. Dazu kommt, dass von den Unterstützungsmaßnahmen gerade nicht Kinder aus bildungsfernen Schichten, sondern Akademikerkinder profitieren. Sie erhalten häufiger kostenlosen Förderunterricht in der Schule und nehmen häufiger an kostenloser oder kostenpflichtiger Nachhilfe teil. Insgesamt haben so laut der Ifo-Studie 82 Prozent der Nichtakademiker-Kinder keinerlei Unterstützungsmaßnahmen erhalten, während sich diese Zahl bei Akademiker-Kindern auf lediglich 69 Prozent belief. Diese Zahlen sind vor allem vor dem Hintergrund brisant, dass gerade leistungsschwächere und Nichtakademiker-Kinder der Ifo-Studie zufolge deutlich weniger effektiv lernen.