Berlin - Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) setzt ihren Streik bei der Deutschen Bahn konsequent fort. Nachdem der Ausstand am Mittwoch erhebliche Probleme im Nah- und Fernverkehr verursacht hat, rechnet die Bahn auch bis zum angekündigten Streikende in der Nacht zum Freitag mit zahlreichen Zugausfällen. Auf Pendler und Touristen kommen daher auch an diesem Donnerstag Probleme zu. Nach dem Ersatzfahrplan werden erneut drei Viertel der Fernzüge nicht fahren, während es in den Regio-Netzen zu unterschiedlichen Störungen kommen soll. Die Bahn setzt nach eigenen Angaben alles daran, am Freitag wieder den Regelbetrieb zu fahren.

GDL-Chef Claus Weselsky droht derweil mit weiteren Streiks: Man werde mit der ersten Maßnahme nicht durchkommen, sagte er vor Gewerkschaftern in Berlin. „Von daher brauchen wir einen langen Atem.“ Zu seinen Gefolgsleuten sagte Weselsky: „Ich verspreche euch nicht, dass es am Freitag schon vorbei ist. Aber wir gehen sorgsam mit unserer Tarifmacht um.“ Eine Entscheidung über weitere Arbeitskampf-Maßnahmen soll in der kommenden Woche fallen.

Die GDL fordert Lohnerhöhungen wie im öffentlichen Dienst von rund 3,2 Prozent sowie eine Corona-Prämie von 600 Euro im laufenden Jahr. Die Laufzeit des Tarifvertrags soll 28 Monate betragen. Auch um Betriebsrenten wird gerungen. Wegen Milliardenverlusten in der Pandemie will die Bahn die Erhöhung auf spätere Stufenzeitpunkte verteilen, bei einer Vertragslaufzeit von 40 Monaten. Hinzu kämen Leistungen zur Altersvorsorge und der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen.

Berliner steigen aufs Auto um, es gibt zahlreiche Staus

Als Reaktion auf den Lokführerstreik stiegen am Mittwochmorgen zahlreiche Menschen in der Berliner Region auf Auto, Bus, Straßenbahn oder U-Bahn um. Für einen Mittwochmorgen habe es erstaunlich viele Staus gegeben, sagte ein Sprecher der Verkehrsinformationszentrale (VIZ) Berlin. Demnach mussten Autofahrer etwa auf den Autobahnen 111, 113 und 114 stadteinwärts mit Verspätungen rechnen.

Nach Beobachtungen der Polizei in Brandenburg sorgte der Bahnstreik hingegen bislang nicht für mehr Staus oder Unfälle auf den Straßen des Bundeslandes, wie ein Sprecher des Präsidiums in Potsdam mitteilte.

Berlin: Busse, Trams und U-Bahnen sind voller als üblich

Ein Sprecher der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) berichtete von „merklich volleren Fahrzeugen“. Die Busse, Trams und U-Bahnen seien im Berufsverkehr aber nicht überfüllt gewesen. Man habe keine Fahrgäste stehen lassen müssen. Trotz der kurzfristigen Streikankündigung sei es gelungen, die Ersatzfahrpläne im Nahverkehr „stabil umzusetzen“, teilte auch die Deutsche Bahn mit.

Der bundesweite GDL-Streik bei der Deutschen Bahn führte ab Mittwochmorgen gleichwohl zu zahlreichen Zugausfällen und -verspätungen in der Hauptstadtregion. Betroffen waren der S-Bahn-Verkehr in Berlin ebenso wie die Regionalzüge in Brandenburg und Berlin. Auf vielen Strecken war das Angebot stark ausgedünnt. Viele Strecken wurden – und werden womöglich auch am Donnerstag – gar nicht mehr bedient.

S-Bahnen

  • 20-Minuten-Takt: S1, S2, S25, S3, S46, S5, S7, S85 und S9
  • 40-Minuten-Takt: S7 und S8
  • Kein Verkehr: S26, die Ringbahnen S41 und S42, die S45, S47 und die S75

Regionalverkehr

  • Ersatzverkehr mit Zügen und Bussen: RE1, RE3, RE5, RE6, RE7, RE10, RE15, RE18, RB11 und RB43
  • Kein Ersatzverkehr: FEX, RB10/14, RB13, RB20, RB21, RB22, RB23, RB24, RB31, RB49, RB55 und RE/RB66

Streik in Berlin: Langes Warten auf die S-Bahn am Alexanderplatz

Robert Walter steht am Alexanderplatz auf Bahnsteig 2 und schaut flehentlich auf sein Handy. Es ist kurz nach 9 Uhr, er hätte eigentlich um 8 Uhr auf der Arbeit in Werder sein müssen. Über ihm auf der blauen Anzeigetafel steht in großen weißen Buchstaben „GDL-Streik! Kein Zugverkehr!“ Dann wird aufgeführt, dass der Regionalexpress 1 hier nicht fährt, sondern erst ab Wannsee. Der Regionalexpress 2 fährt auch nicht hier ab, sondern erst ab Gesundbrunnen. Die Züge in der Gegenrichtung fahren erst ab Erkner und ab Ostkreuz. Die Leute diskutieren, ob es eine Möglichkeit gibt, dorthin zu gelangen.

Trotz des Schildes „Kein Zugverkehr“ sind etwa 50 Leute auf dem Bahnsteig und warten. Walter sagt: „Ich glaube, dass es nicht stimmt, dass hier kein Zug fährt. Denn auf meiner App steht, dass jetzt hier gleich ein Regionalexpress kommt.“ Der Zug stehe zwar nicht auf den Internetseiten der BVG und der Deutschen Bahn, aber auf seiner App. Der Zug ist seine große Hoffnung.

Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Am Bahnhof Berlin-Alexanderplatz ist am Vormittag nicht viel los.

Eine Frau neben ihm regt sich auf, weil in ihrer App, die eine andere ist, ganz andere Informationen stehen. Walter sagt: „Die haben nur 25 Prozent der Fahrer, das heißt: Bei etwas Glück kommt alle zwei Stunden vielleicht mal ein Zug vorbei.“ Dann sagt der 42-Jährige, er habe nichts gegen Streiks, aber nicht so kurzfristig.

Er erzählt, dass er nichts von der Streikankündigung mitbekommen hat, weil er am Vortag aus dem Urlaub gekommen ist. Er sei pünktlich um 6.30 Uhr in Hohenschönhausen losgefahren und habe gedacht, dass er um 8 Uhr in Werder sei. Als er merkte, dass etwas nicht stimmt, musste er noch mal nach Hause und holte sein Handy, damit er im Internet nach Alternativen suchen und seinem Chef eine SMS schicken kann.

Um 9.17 Uhr ist der angekündigte Zug aus seiner App nicht gekommen. Walter geht und sagt: „Mal sehen, ob ich irgendeinen anderen Weg finde. Auf dem anderen Gleis fährt ja ab und an eine S-Bahn.“ Fünf Minuten später ist der Bahnsteig fast leer, alle, die auf den angekündigten Zug gewartet haben, sind gegangen. Ein paar Leute schauen noch auf ihre Handys und wissen nicht weiter.

Lage in Berlin-Wannsee entspannt

Im Laufe des Vormittags werden die Bahnsteige auf dem Bahnhof Wannsee voller. Es hat sich herumgesprochen, dass die S1 im 20-Minuten-Takt fährt. Auch die Abteile sind voller als an normalen Werktagen. Denn die S1 startet wegen des Streiks nicht wie sonst von Wannsee, sondern bereits in Potsdam. Daher sitzen schon viele Pendler im Zug.

So mancher Berliner ist dennoch irritiert. Heike S. aus Wannsee schaut ganz verzweifelt, wo die S7 Richtung Zoo abfährt, die aber wegen des Streiks nicht im Einsatz ist. „Ich dachte, alle S-Bahn-Linien würden fahren“, sagt die Angestellte, die zum Kurfürstendamm muss. Die Solidarität der anderen S-Bahn-Nutzer hilft ihr weiter. „Einfach mit der S1 nach Steglitz und dann mit der U-Bahn weiter“, sagt ein Mann. Oder mit einem der Busse, die am Vorplatz des Bahnhofs Wannsee nun auch voller werden.

Am frühen Morgen war die Situation am S-Bahnhof Wannsee noch entspannt. Es waren zunächst nur wenige Fahrgäste auf den Bahnsteigen. Die Züge fahren im 20-Minuten-Takt. Auch die BVG-Busse auf dem Vorplatz in Richtung Zehlendorf waren zunächst kaum gefüllt.

Die Stimmung unter den Fahrgästen ist größtenteils gelassen. Einige Pendler aus Potsdam sind früher aufgestanden, fahren mit der S1 Richtung S-Bahnhof Steglitz, um dann mit der U-Bahn ans Ziel zu kommen.

Einige Berliner wurden doch von dem Streik überrascht. Andere sagten, sie seien nun früher unterwegs, um rechtzeitig etwa im Büro nach Mitte zu kommen. Man habe ja vielleicht sogar Verständnis für den Streik, aber die Ankündigung sei zu kurzfristig gewesen.

Viele Fahrgäste warten am Baumschulenweg auf den Ersatzverkehr

Berliner Zeitung/Maria Häußler
Am Umsteigebahnhof Baumschulenweg warten Fahrgäste auf eine S-Bahn.

Auch am Ostkreuz ist es am Morgen relativ leer. Etwas anders sieht es am Baumschulenweg aus. Hier steigen viele Fahrgäste in Richtung Neukölln oder Ostkreuz um.

Christiane Müller ist eine Stunde früher aufgestanden und mit der Regionalbahn zum Ostkreuz gekommen. Sie wartet auf die S85 Richtung Schöneweide, die nur im 20-Minuten-Takt fährt: „Ein Problem ist es schon, aber besser als jetzt zu laufen“, sagt sie.

BLZ/Maria Häußler

Herr Kriegel ist auf die S-Bahn angewiesen. „Wenn selbst der Vorsitzende der GDL sagt, dass es extrem kurzfristig war, sagt das ja schon alles.“ Die letzte S-Bahn war so voll, dass er nicht eingestiegen ist. Parallel zum Gespräch checkt er die nächste Verbindung. „Meine Arbeit weiß Bescheid und ich muss jetzt eben am Ostkreuz umsteigen, um zum Zoo zu kommen“, sagt er.

Eine weitere Frau äußert sich nicht verärgert über den Streik. „Streiken ist ein legitimes Mittel. Ich bin selbst Gewerkschafterin und unterstütze das“, sagt sie. Außerdem habe sie Bescheid gewusst, weshalb sie auch nicht früher habe aufstehen müssen. „Ich bin Studentin. Ich kann mir vorstellen, dass es für arbeitende Menschen schwieriger ist.“

Julius hat diese Woche Kennenlernwoche an seiner neuen Schule. „Mit dem Bus hätte es noch länger gedauert“, sagt er. Zuspätkommen sei okay, da sein Freund auch mit der Bahn kommt. „Aber ich hoffe, dass die Bahn überhaupt kommt.“

Insgesamt wirken die Leute eher tiefenentspannt, sie waren vorbereitet. Einige Wenige befragen hektisch die Bahn-Mitarbeiter, wie sie jetzt weiterkommen. Durchsagen verweisen auf U-Bahn, Bus und Straßenbahn.

GDL-Chef will verbessertes Angebot der Bahn

Die Lokführergewerkschaft GDL will die Deutsche Bahn mit dem zweitägigen Streik zu einem verbesserten Angebot im Tarifstreit bringen. „Das Angebot ist unakzeptabel“, sagte GDL-Chef Claus Weselsky am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin. Das Angebot mit einer Laufzeit von 40 Monaten bedeute eine Entwertung des Tarifs über die Länge der Laufzeit von unter einem Prozent im Jahr.

„Das ist für uns nicht verhandelbar. Das haben wir klar und deutlich gemacht“, sagte Weselsky. Weil zu einem Streit immer zwei gehörten, trage der Bahn-Konzern die Verantwortung, „dass die Auseinandersetzung jetzt auch auf dem Rücken von Reisenden stattfindet“.

Der Streik soll der GDL zufolge bis Freitagmorgen um 2 Uhr andauern. Den Zeitpunkt des Streiks begründete der GDL-Chef mit der Urlaubszeit. „Wir haben das Wochenende vor uns. Wir wissen, dass dort Ferien auslaufen und dass eine erhöhte Reisefrequenz vorhanden ist.“ 

Bahn gibt sich verhandlungsbereit

Nach Beginn des Streiks hat der Konzern seine Verhandlungsbereitschaft mit der Lokführergewerkschaft GDL betont. „Jetzt ist Miteinander gefragt, wie wir gemeinsam aus dieser schwierigen Krise herauskommen“, sagte Bahn-Personalvorstand Martin Seiler am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin. „Auch wir wollen, dass unsere Mitarbeitenden vernünftig bezahlt werden, und deshalb haben wir auch dieses vernünftige und erweiterte Angebot vorgelegt.“

„Wir liegen zugegebenermaßen in der Laufzeit auseinander, auch bei der Corona-Prämie. Aber das sind ureigenste Dinge, die am Verhandlungstisch besprochen werden“, sagte Seiler. Es sei Thema von Tarifverhandlungen, das auszuloten und zu Kompromissen zu kommen. Die Bahn appelliere an die GDL, „nicht mit überzogenen und eigentlich unnötigen Streiks die Fahrgäste am Ende darunter leiden zu lassen“.

Die Bahn habe im vergangenen Jahr eine Gehaltssteigerung von 2,6 Prozent gehabt. „Das ist ziemlich einzigartig“, sagte Seiler. Nun würden die von der GDL geforderten 3,2 Prozent geboten. Es gehe um die Laufzeit.

Reisende sollen nicht dringend benötigte Fahrten verschieben

Die Bahn bat Reisende, nicht dringend nötige Fahrten zu verschieben. Am Mittwoch und Donnerstag fährt demnach nur ein Viertel der Züge im Fernverkehr. Im Nahverkehr hat die Bahn ein „Mindestfahrplanangebot“ erstellt, die Ausfälle sind laut Sprecher je nach Region unterschiedlich.

Die Bahn kündigte wegen des Streiks zugleich „besondere Kulanzregelungen“ an. Bereits gebuchte Fahrkarten für betroffene Strecken behalten ihre Gültigkeit demnach bis zum 20. August. Die Zugbindung bei Sparpreisen und Super-Sparpreisen ist aufgehoben. Für die Weiterfahrt können auch andere Züge genutzt werden. Auch eine kostenfreie Erstattung der Zugtickets ist möglich.

Die Lokführergewerkschaft kämpft um mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen für ihre Mitglieder bei der Deutschen Bahn. Anders als die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) will sie in diesem Jahr keine Nullrunde bei den Gehältern akzeptieren. So will die GDL auch bei den Mitarbeitern im Machtkampf mit der EVG punkten.