Owschlag/Sitges - Die Auszeichnung steht auf einem Tisch im Wintergarten in ihrem Haus in Owschlag. Dort, wo Pastorin Susanne Jensen arbeitet, zeichnet, malt, lebt. Mitte Oktober hat sie im spanischen Küstenort Sitges den Preis beim Fantastischen Filmfestival für die beste weibliche Hauptrolle in einem Horrorfilm erhalten. Einen Preis, über den sie sich sichtlich freut. Bekommen hat sie die Auszeichnung für ihre Darstellung einer streng gläubigen Mutter in dem Film „Luzifer“ des österreichischen Regisseurs Peter Brunner. Ihren Filmsohn verkörpert Franz Rogowski, der beim Sitges-Festival als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Uraufgeführt wurde das Werk im Sommer auf dem Internationalen Filmfestival von Locarno. In die deutschen und österreichischen Kinos soll der Film voraussichtlich im Frühjahr 2022 kommen.

Brunner habe eine „wahrhaft Gläubige“ gesucht, erzählt Jensen. Und ist bei seinen Recherchen auf die ungewöhnliche Pastorin aus Schleswig-Holstein gestoßen, die auch malt und ihre Kunstwerke unter anderem auf Instagram zeigt. Dem gängigen Bild einer Pastorin auf dem Land entspricht Jensen – mit kahlrasiertem Kopf und tätowiert – nicht.

Jensen wurde als junge Frau missbraucht

Sie hat in ihrem Leben viel Leid erfahren, ist Gewalt- und Missbrauchsüberlebende, wie sie es nennt. Sie spricht offen über die sexuelle Gewalt, die sie früher erlebt hat, den Missbrauch durch einen katholischen Pfarrer mit Anfang 20, als sie nach einer Erwachsenentaufe katholische Ordensfrau werden wollte. Sie spricht über ihre Traumata, ihre Schmerzen, ihre multiple Persönlichkeit. Und darüber, dass sie dies alles in ihren Act gelegt habe. „Jede Träne in dem Film ist echt. Jeder Schrei. Jede Angst. Jedes Lächeln.“

Inspiriert ist der Film, der im September und Oktober 2019 innerhalb von 35 Tagen in Österreich gedreht wurde, von einer wahren Geschichte. Johannes (Franz Rogowski), ein Mann mit der geistigen Entwicklung eines vierjährigen Kindes, lebt mit seinem Adler und seiner streng gläubigen Mutter Maria (Susanne Jensen) abgeschieden in einer Almhütte. „Der Alltag innerhalb dieser hermetischen Welt wird bestimmt von Gebeten und Ritualen“, heißt es in der Pressemappe zum Film. „Doch zwischen Natur- und Schöpferverehrung schieben sich plötzlich moderne Fremdkörper und Störgeräusche: Die touristische Erschließung ihres Paradieses droht dasselbe zu vergiften und den Teufel zu wecken.“

Wie Religion das Leben von Menschen präge, beeinflusse und verändere, sei ihm schon seit seiner Kindheit als rätselhaft und beinahe unheimlich erschienen, sagte Regisseur Brunner laut Pressemappe zum Film. „Die wahre Geschichte einer Teufelsaustreibung, in der ein Sohn seine erkrankte Mutter mit einer Bibel erschlug um sie zu retten, wurde für mich zum Ausgangspunkt von „Luzifer“. Wie kommt man in die Umklammerung des Fanatismus und wie auch wieder heraus?“ Ein klassischer Horrorfilm ist „Luzifer“ auch für die Pastorin nicht. Das Teuflische sei das Tragische, das geschehe.