BerlinVermummte Spezialeinsatzkräfte haben am Dienstagmorgen in Marzahn eine Wohnung gestürmt. Die Polizei ging dem Verdacht nach, dass dort ein Islamist einen Sprengstoffanschlag geplant habe. Fast 200 Polizisten riegelten den Häuserblock an der Eisenacher Straße ab. Ermittler des Staatsschutzes durchsuchten die Wohnung.

Sprengstoff oder andere verdächtige Dinge fanden sie nicht. „Der Verdacht hat sich bisher nicht bestätigt“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Nähere Angaben zu dem Beschuldigten wollte Steltner nicht machen.

Was war passiert? Der 15-jährige Imad A. war vor vier Jahren aus den Kriegswirren von Aleppo nach Deutschland gekommen, zusammen mit seiner Mutter, seinem Vater und vier kleineren Geschwistern. Während seine Geschwister sich darum bemühen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren und zum Teil sehr gut die deutsche Sprache beherrschen, habe Imad immer wieder Probleme gehabt, sagt ein Familienmitglied. Vor allem habe er ein Gewaltproblem. Demnach musste der Jugendliche vor einiger Zeit die Schule wechseln, weil er einen Mitschüler geschlagen und schwer verletzt hat.

Handyanschluss in Aserbaidschan

Auch der Vater hat sich der Erzählung zufolge große Sorgen um seinen Sohn gemacht, der die Tage damit verbracht habe, Gewaltvideos am Handy zu konsumieren. Der Vater habe irgendwann das Telefon des Jungen zerstört. In der Schule bekam der 15-Jährige dann allerdings ein neues Handy geschenkt – von einem Lehrer, damit Imad nicht vom coronabedingten Fernunterricht ausgeschlossen ist.

Imad soll sich dann eine Telefonnummer von einem Anbieter in Aserbaidschan besorgt haben. Dies machte möglicherweise schon einen Geheimdienst auf ihn aufmerksam. Am vergangenen Freitag meldete sich dann nach Auskunft des Familienmitglieds der Vater auf dem Jugendamt und bat um psychologische Hilfe für seinen Sohn: „Mein Sohn ist außer Kontrolle.“ Imad A. soll dann auch noch ein gewaltverherrlichendes Video mit islamistischem Hintergrund in einer Chatgruppe gepostet haben. All dies rief offenbar die Polizei auf den Plan.

Am Dienstag um 6 Uhr splitterte die Wohnungstür. SEK-Beamte fesselten den Vater sowie Imad und seine Brüder und durchsuchten die Zimmer. Die Polizei wollte Imad danach sogar in der Obhut seiner Eltern lassen. Doch der Vater bat darum, dass er mitgenommen werde. Er brauche Hilfe, sagte er. Er müsse dringend in die Psychiatrie.

Die Nervosität der Sicherheitsbehörden ist groß

Wie es jetzt mit Imad A. weitergeht, ist unklar. Der 15-Jährige, den der Polizei bislang nicht als sogenannten „islamistischen Gefährder“ kennt, ist zwar kein Fall für den Bundesnachrichtendienst oder den Verfassungsschutz, dafür aber für das Jugendamt. Dort war am Dienstag jedoch niemand zu erreichen.

Die Gewerkschaft der Polizei verschickte nach dem Großeinsatz am Dienstag eine Erklärung, dass es richtig und wichtig sei, „dass wir beim geringsten Verdacht auf terroristische Straftaten schnellstmöglich handeln und kein Risiko eingehen“. Landeschef Norbert Cioma weiter: „Berlin steht als Metropole nach wie vor im Fokus des internationalen Terrorismus, und wir haben bekanntermaßen eine Menge Leute in der Stadt, denen man eine schwere staatsgefährdende Straftat zutraut.“

Die Nervosität der Sicherheitsbehörden ist groß. In der vergangenen Woche hatte der Senat erklärt, dass man jederzeit damit rechnen müsse, dass es wieder zu einem Anschlag in Berlin kommen könne. Es gebe eine „anhaltend hohe Gefährdungslage“. Im Fokus der Behörden stehen radikalisierte islamistische Einzeltäter.