Abu Dhabi - Eine beispiellose Formel-1-Saison bekommt einen beispiellosen Schlussakt - nach einer Ehrenrunde am Grünen Tisch heißt der neue Weltmeister aber noch immer Max Verstappen. Die beiden Proteste von Lewis Hamiltons Mercedes-Team nach dem Finale in Abu Dhabi wurden am Sonntagabend von den Rennkommissaren abgewiesen.

Red-Bull-Pilot Verstappen bleibt damit Sieger des Rennens, entthront Hamilton und verhindert damit auch, dass dieser mit dem achten Titel zum alleinigen Rekordweltmeister vor Michael Schumacher aufsteigt.

Mercedes hatte versucht, das Rennergebnis in Abu Dhabi wegen zweier mutmaßlicher Verstöße gegen das Sportliche Reglement des Automobil-Weltverbandes FIA anzufechten. Das Team könnte nun aber noch einmal Berufung einlegen.

Am Sonntag ging es in beiden Protesten um die entscheidende Safety-Car-Phase in den letzten Runden. Die erste Beschwerde: Kein Fahrer darf ein anderes Auto überholen, solange das Safety Car das Feld anführt. Vor dem Restart hatte Verstappen allerdings beschleunigt und sich zeitweilig neben den vorausfahrenden Hamilton gesetzt.

Dieser Protest wurde zuerst abgewiesen. „Obwohl Verstappen sich für einen sehr kurzen Zeitraum leicht vor Hamilton bewegte, als beide beschleunigten und bremsten, bewegte er sich wieder nach hinten und nicht nach vorne, als die Safety-Car-Phase endete“, begründeten die Stewards ihr Urteil.

Zudem protestierte Mercedes dagegen, dass vor dem Ende der Safety-Car-Phase fünf überrundete Rennwagen zwischen Hamilton und Verstappen das Safety Car überholen durften, sodass der Weg für Verstappens dann erfolgreichen Angriff frei war. Die überrundeten Boliden hinter dem Niederländer durften dagegen nicht mehr überholen. Zudem ging das Safety Car gleich nach den „Entrundungen“ von der Strecke, anstatt dem Reglement folgend eine weitere Runde zu drehen.

Hierzu stellten die Stewards fest, dass Renndirektor Michael Masi laut Reglement befugt ist, das Safety Car zu kontrollieren, dazu gehören dessen Einsatz und Abzug. Eine nachträgliche Verkürzung der Renndauer, wie von Mercedes angeregt, sei zudem ein nicht angemessener Eingriff.

Wie Max Verstappen zum ersten Mal die Formel-1-WM gewann

Mit einer irren Aufholjagd und viel Safety-Car-Glück hatte Max Verstappen einer denkwürdigen Formel-1-Saison die Krone aufgesetzt und sich seinen ersten WM-Titel geholt. Der Niederländer schnappte dem siebenmaligen Champion Lewis Hamilton in der allerletzten Runde den schon sicher geglaubten Rekordtitel weg. Hamilton und Mercedes müssen sich nun mit dem achten Konstrukteurstitel in Serie trösten. Weiterhin bleibt der Brite „nur“ geteilter Rekordchampion mit Michael Schumacher.

Verstappen gewann unter Flutlicht auf dem Yas Marina Circuit vor Hamilton - wie sollte es auch anders sein? Zum 14. Mal im 22. Rennen machten die beiden Superstars die Plätze eins und zwei unter sich aus. Durch seinen 20. Grand-Prix-Erfolg liegt Verstappen in der Endabrechnung einer denkwürdigen Saison lediglich um acht Punkte vorn. Dritter wurde der spanische Ferrari-Pilot Carlos Sainz. Sebastian Vettel (Aston Martin) kam nicht über Rang elf hinaus, Mick Schumacher erreichte im Haas als 14. das Ziel.

Verstappen hatte kräftig gegen Hamilton gestichelt

Vor dem Showdown hatte Verstappen kräftig gegen Platzhirsch Hamilton gestichelt. „Wenn ich in seinem Auto gesessen hätte, wäre die Saison längst entschieden“, tönte der Niederländer im Telegraaf-Interview.

Nach einer Saison mit zahlreichen WM-Führungswechseln sowie Kollisionen der Rivalen in Silverstone, Monza und Dschidda gingen Verstappen und Hamilton punktgleich (369,5) ins Saisonfinale, eine derart enge Konstellation gab es in 71 Jahren Formel 1 nur ein weiteres Mal: 1974 beim Duell des späteren Titelträgers Emerson Fittipaldi (McLaren) mit Clay Regazzoni (Ferrari).

Verstappen führte allerdings vor dem entscheidenden Rennen die Fahrerwertung wegen der mehr erzielten Siege an. Deswegen und aufgrund seines aggressiven Fahrstils gab es im Vorfeld reichlich Spekulationen, der Niederländer könnte einen Crash in Betracht ziehen.

Auch Rennleiter Michael Masi sah sich bemüßigt, dezidiert auf Sanktionsmöglichkeiten wie Punktabzüge und Sperren hinzuweisen, sollte es zu Unsportlichkeiten kommen. All dies ging nicht spurlos am 24-jährigen Verstappen vorbei. „Max wird in der Sonne auch nicht mehr braun, der bleibt bleich“, scherzte Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko.

Hamilton änderte nichts an seinen Abläufen

Der deutlich routiniertere Hamilton (36) änderte nichts an seinen Abläufen. „Es geht darum, das zu tun, was ich am meisten liebe: ich selbst zu sein auf der Strecke und alles zu geben“, sagte er vor dem Start.

Diesen erwischte Hamilton besser, der Engländer bog trotz Startplatz zwei als Erster nach rund 300 Metern in Kurve eins ein. Sechs Kehren später griff Verstappen an, drängte seinen Widersacher aber nach Ansicht der Rennkommissare von der Strecke, weswegen Hamilton die Führung behalten durfte. „Das ist unglaublich“, wetterte Verstappen im Funk. Wieder einmal fühlte er sich von der Rennleitung benachteiligt.

Die weichen Reifen des Niederländers, die ihm in der Frühphase eigentlich einen Vorteil geben sollten, bauten schnell ab. In der 14. von 58 Runden kam Verstappen zum Boxenstopp, Hamilton zog eine Runde später nach.

Red Bull zog nun seinen Joker, ließ Verstappen-Teamkollege Sergio „Checo“ Perez lange auf der Strecke, um Hamilton einzubremsen. Der Mexikaner wehrte sich mit allen Mitteln, musste Hamilton nach rundenlangem Kampf zwar passieren lassen - doch Verstappen war wieder bis auf zwei Sekunden dran am Rivalen. „Checo ist eine Legende“, funkte Verstappen.

In Schlagdistanz kam er aber nicht, weswegen Red Bull volles Risiko ging und ihn bei einer virtuellen Safety-Car-Phase zu einem weiteren Reifenwechsel reinholte. Verstappens schwierige Aufgabe lautete nun, pro Runde gut eine Sekunde wettzumachen. Ein weiteres Safety Car fünf Umläufe vor dem Ende eröffnete Verstappen eine weitere unverhoffte Chance - und die nutzte er spektakulär.