Berlin - Mediziner berichten von immer jüngeren Intensivpatienten während der dritten Corona-Welle. Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich in der Talkshow „Maybrit Illner“ entsprechend.  „Diejenigen die jetzt auf der Intensivstation behandelt werden, die sind im Durchschnitt etwa 47 bis 48 Jahre alt. Das sind Menschen mitten im Leben“, sagte er. Die Hälfte der Betroffenen würde sterben, viele Kinder verlören ihre Eltern. Dies sei „eine Tragödie“, sagte Lauterbach weiter. Doch diese Aussagen lassen sich nach Angaben der Bundesregierung und einer Recherche des Bayerischen Rundfunks (BR) nicht belegen. 

Die Bundesregierung hat keine Kenntnis vom Durchschnittsalter der Covid-19-Patienten auf deutschen Intensivstationen. Dies teilte das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage der FDP-Abgeordneten Judith Skudelny mit. Die Altersangaben der Patienten mit intensivmedizinischem Versorgungsbedarf würden erst in „Kürze erhoben“. Skudelny kritisiert Lauterbach nun scharf: Sie wirft ihm vor, mit „falschen Fakten“ Angst zu verbreiten. Seine Darstellung entbehre offenkundig jeder Grundlage.

Karl Lauterbach nahm eine persönliche Schätzung vor

Auch der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Initiative für Qualitätsmedizin (IQM) liegen laut einer „Faktenfuchs“-Recherche des Bayerischen Rundfunks noch keine Intensivpatienten-Zahlen für die dritte Welle vor. Eine direkte Nachfrage bei Karl Lauterbach habe ergeben, dass er das aktuelle Durchschnittsalter der Patienten auf 47 bis 48 Jahre geschätzt habe. Er habe nach eigenen Angaben mit Medizinern gesprochen und auch Intensivstationen besucht. Sein klarer Eindruck: Dort lägen zahlreiche berufstätige Menschen mit Covid-19. Karl Lauterbach gab zu, dass er in der Fernsehsendung hätte erwähnen sollen, dass es keine Statistik gibt.

Experten diskutieren verschiedene Theorien, warum Intensivmediziner aktuell von jüngeren Intensivpatienten berichten. Ein spürbarer Impfeffekt bei Älteren oder veränderte Therapieentscheidungen könnten eine Rolle spielen. Auswertungen aus der ersten und zweiten Corona-Welle benannten ein Durchschnittsalter von 68 Jahren. Harte Zahlen zu der Frage, wie sich dies verändert hat, liegen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vor.