Berlin - Im vergangenen Jahr sind in psychiatrischen Einrichtungen in Berlin deutlich häufiger Zwangsfixierungen angeordnet worden. Wie RBB24 am Dienstag berichtete, wurden im Pandemie-Jahr 2020 insgesamt 3290 Fixierungen beantragt, durchschnittlich alle zwei bis drei Stunden. Im Jahr 2019 waren es noch 2831 Anträge. Damit lag der Anstieg bei mehr als 16 Prozent. Das gehe aus Daten der Berliner Amtsgerichte hervor, so der RBB.

Die Richter stimmen den Anträgen der Kliniken auf Fixierung meistens rückwirkend zu. Das bedeutet, dass es in der Praxis kaum zur Verhinderung der Fixierungen kommt. Für bessere Deeskalation fehle den Stationen oft das Personal, sagen Klinikmitarbeiter. In der deutschen Rechtsordnung ist die Fixierung die extremste Maßnahme zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit eines Menschen.

Patienten werden dabei mit Gurten an Beinen, Armen und am Oberkörper auf Betten festgebunden. Bei einer Sieben-Punkt-Fixierung kommen ein Gurt um den Kopf und ein weiterer um den Bauch hinzu. In vielen Fällen wird den Patienten in solchen Momenten auch ein Medikament zur Beruhigung angeboten oder zwangsweise verabreicht. 

Der Psychiatrie-Chefarzt des Klinikums Am Urban in Kreuzberg, Andreas Bechdolf, arbeitet nach eigener Aussage intensiv daran, Fixierungen und den damit möglicherweise einhergehenden Traumatisierungen vorzubeugen. Aber er warnt vor einer weiteren Zuspitzung der Situation auf den psychiatrischen Stationen im weiteren Verlauf der Pandemie. „Die Gesellschaft sollte sich darauf einstellen, dass im weiteren Verlauf der Pandemie mehr psychiatrische Unterstützung benötigt wird.“ Symptome wie Angst oder Depressionen würden meist zeitlich verzögert auftreten, so Bechdolf. Er prognostiziert: „Die psychische Pandemie kommt noch.“