Würzburg - Die Frage nach dem Motiv für den Messerangriff in Würzburg mit drei Toten können die Ermittler bisher nicht beantworten. Indizien deuten auf islamistische Hintergründe hin. Der Täter könnte aber auch psychisch krank sein und möglicherweise schuldunfähig.

WAS WIR WISSEN:

Die Tat: Es ist Freitagnachmittag, der 25. Juni. Gegen 17 Uhr betritt der Somalier den Ermittlern zufolge ein Kaufhaus am Barbarossaplatz in Würzburg. Er fragt demnach eine Verkäuferin nach der Haushaltsabteilung und nimmt sich dort ein Messer aus der Auslage. Damit sticht er offensichtlich ohne jede Vorwarnung auf mehrere Menschen ein. Drei Frauen sterben. Auch in einer gegenüberliegenden Bank und auf der Straße attackiert er Passanten, die er nach bisherigem Kenntnisstand wohl nicht kannte. Sieben Menschen werden verletzt, fünf davon lebensgefährlich, darunter ein Kind.

Die Opfer: Drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren sterben in dem Kaufhaus. Sie wohnten in Unterfranken – in den Landkreisen Main-Spessart und Würzburg und in der Stadt Würzburg. Zudem verletzt der Angreifer drei weitere Frauen (39, 52, 73), ein Mädchen (11) und einen Jugendlichen (16) lebensgefährlich mit dem Messer sowie einen Mann (57) und eine weitere Frau (26) leicht.

Die Elfjährige ist die Tochter der getöteten 49-Jährigen. Die 26-Jährige wohnt im Main-Tauber-Kreis in Baden-Württemberg. Alle anderen Verletzten kommen laut Polizei aus Stadt und Landkreis Würzburg.

Der Täter: Der Mann aus dem Bürgerkriegsland Somalia reist am 6. Mai 2015 nach Deutschland ein. Seit dem 4. September 2019 ist der Asylbewerber in Würzburg erfasst. Sein Asylantrag wird zwar 2016 abgelehnt, aber er erhält subsidiären Schutz – er hält sich also legal in Deutschland auf, darf nicht in das afrikanische Land abgeschoben werden.

Der Mann ist 24 Jahre alt und soll in Mogadischu geboren worden sein. Zuletzt lebte er in Würzburg in einer Obdachlosenunterkunft. Der Polizei war der Mann bereits vor der Attacke wegen aggressiven Verhaltens bekannt. Nach psychischer Auffälligkeit musste er auch in psychiatrische Behandlung – zwangsweise, wie Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU) sagt.

Die Ermittlungen: Die Polizei ist am Tattag mit einem Großaufgebot in der Universitätsstadt präsent. Auch ein Hubschrauber wird eingesetzt. Beamte durchsuchen die Obdachlosenunterkunft, sichern Beweise. Hinweise auf einen zweiten Täter haben die Ermittler nicht. Am Samstag übernehmen Landeskriminalamt (LKA) und Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen. Dies ist dann der Fall, wenn eine Amoklage vorliegt. Für einen klaren Terrorangriff wäre allerdings der Generalbundesanwalt zuständig.

Unter den in der Unterkunft gefundenen Gegenständen sind auch zwei Handys. Das LKA geht davon aus, dass sie dem Verdächtigen gehören. Islamwissenschaftler bewerten derzeit die Funde. Unklar ist, ob auch Gegenstände entdeckt wurden, die auf ein politisches Motiv hindeuten könnten. Welche Beweise im Detail gesichert wurden, verrät das LKA bisher nicht.

WAS WIR NICHT WISSEN:

Das Motiv: Hinsichtlich dieser Frage gibt es viele Spekulationen und Theorien. Ist der 24-Jährige ein Islamist? Oder psychisch krank und womöglich schuldunfähig? Oder war er nur zeitweise verwirrt? Oder ging er zielgerichtet vor? Wollte er überwiegend Frauen töten? Innenminister Herrmann sagt, es gebe Indizien für einen islamistischen Anschlag. Er stützt dies auf die Aussage eines Zeugen, wonach der Verdächtige bei der Tat „Allahu Akbar“ (zu Deutsch: „Gott ist groß“) gerufen habe.

Dschihadisten und Salafisten benutzen den Ausdruck „Allahu Akbar“ oft wie einen Schlachtruf. Damit kapern die Extremisten die zentrale religiöse Formel des Islam, die seit Jahrhunderten von Muslimen weltweit benutzt wird.

Die Vorgeschichte: Der Mann ist seit seiner Einreise nach Deutschland bereits mehrfach in Erscheinung getreten. Einmal soll er in der Obdachlosenunterkunft nach einem Streit mit Mitbewohnern und der Verwaltung ein Messer geschwungen haben. Verletzt wurde dabei niemand. Zuletzt belästigte er vor wenigen Wochen in Würzburg in psychisch angeschlagenem Zustand Verkehrsteilnehmer, setzte sich bei einem Autofahrer sogar auf den Beifahrersitz. Daraufhin kam der 24-Jährige in eine psychiatrische Einrichtung, konnte aber nach einem Tag wegen fehlenden Behandlungsbedarfes wieder nach Hause gehen.