Messerattacke in Regionalzug: Keine Hinweise auf Terrormotiv

Ein Mann tötet in einem Regionalzug in Schleswig-Holstein zwei Menschen und verletzt sieben weitere. Er wird festgenommen. Die Opfer sind identifiziert, das Motiv ist noch unklar.

Einsatzkräfte der Polizei und Rettungsdienste sind an einem Bahnübergang in der Nähe von Bahnhof Brokstedt im Einsatz.
Einsatzkräfte der Polizei und Rettungsdienste sind an einem Bahnübergang in der Nähe von Bahnhof Brokstedt im Einsatz.Jonas Walzberg/dpa

Bei einer Messerattacke in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg sind am Mittwoch zwei Menschen getötet worden. Bei den Todesopfern handelt es sich um eine 16 Jahre alte Jugendliche und einen 19 Jahre alten Mann, wie Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) am Donnerstag in Kiel mitteilte. Sieben weitere Menschen waren nach Angaben der Polizei Itzehoe bei dem Angriff verletzt worden, drei von ihnen schwer.

Ein 33-jähriger Mann sei kurz vor 15 Uhr vor der Ankunft im Bahnhof Brokstedt mit einem Messer auf Reisende losgegangen, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Polizisten hätten den Mann kurz darauf in Brokstedt festgenommen. Am Donnerstagnachmittag soll er einem Haftrichter in Itzehoe vorgeführt werden, für 14 Uhr ist eine Pressekonferenz zur Tat geplant.

Mitarbeiter der Spurensicherung bereiten sich unweit des Tatorts am Bahnhof Brokstedt vor.
Mitarbeiter der Spurensicherung bereiten sich unweit des Tatorts am Bahnhof Brokstedt vor.Steven Hutchings/dpa

Landesinnenministerin: Verdächtiger ist staatenloser Palästinenser

Bei dem mutmaßlichen Angreifer handelt es sich nach Angaben von Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) um einen staatenlosen Palästinenser. Der 33-Jährige kam nach Polizeiangaben mit leichten Verletzungen in ein Krankenhaus. „Die Hintergründe sind noch unklar“, sagte eine Polizeisprecherin nach dem Vorfall. Inzwischen befinde sich der Mann nicht mehr in ärztlicher Behandlung, sondern im Gewahrsam der Polizei.

Zunächst wurde in alle Richtungen ermittelt, auch zu einem möglichen extremistischen Hintergrund oder einer psychischen Erkrankung des Angreifers. Aus Sicherheitskreisen hieß es, es gäbe erste Hinweise, dass der mutmaßliche Angreifer geistig verwirrt sein könnte. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund hätten Ermittler hingegen nicht gefunden wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, Peter Müller-Rakow am Donnerstag mitteilte.

Tatverdächtiger saß bis vor kurzem in Haft

Wie die Polizeidirektion im schleswig-holsteinischen Itzehoe am Donnerstag mitteilte, saß der mutmaßliche Täter bis vor kurzem noch in einer Hamburger Justizvollzugsanstalt (JVA). Grund sei ein Körperverletzungsdelikt gewesen. Nach dpa-Informationen war der Mann zuvor mehrere Jahre lang im nordrhein-westfälischen Euskirchen gemeldet und wurde in der Zeit mehrfach wegen verschiedener Straftaten auffällig. Zuletzt war er nach Polizeiangaben ohne festen Wohnsitz.

Laut Sicherheitskreisen ging es bei den Vorstrafen des Angreifers unter anderem um Verfahren wegen Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Ladendiebstahls und sexueller Belästigung. Laut Bild-Zeitung spielten sich die Taten zwischen 2015 und 2020 in Euskirchen, Bonn, Bad Münstereifel und Köln ab.

Attacke in Brokstedt: Polizei schaltet Zeugentelefon frei

Von der Tat gibt es nach Polizeiangaben keine Videoüberwachung. Die Polizei hat eine Telefonnummer für Zeugen eingerichtet und bittet Mitfahrer des Zuges, die noch nicht mit der Polizei gesprochen haben, sich unter +49 4821 602 2002 zu melden. Unter der Nummer sei zudem ab sofort das Bürgertelefon erreichbar, teilte die Polizei am Donnerstag mit.

Am Donnerstag (14 Uhr) wollen sich Schleswig-Holsteins Innenministerin und der Leiter der Polizeidirektion Itzehoe, Frank Matthiesen, bei einer Pressekonferenz in Kiel zum Stand der Ermittlungen äußern.

In diesem Regionalzug ereignete sich die Tat.
In diesem Regionalzug ereignete sich die Tat.Jonas Walzberg/dpa

Zeugen hielten Angreifer am Bahnhof fest

Der Täter habe die Menschen in dem noch fahrenden Zug angegriffen, hieß es von der Polizei. Die Beamten hätten Anrufe von mehreren Fahrgästen bekommen. Auf Benachrichtigung sei der Zug gestoppt worden, worauf sich das Geschehen auf den Bahnsteig von Brokstedt verlagert habe. Zeugen hätten den Angreifer festgehalten, bis die Einsatzkräfte eintrafen. 

Zum Zeitpunkt der tödlichen Messerattacke waren rund 120 Menschen in dem Zug. „Das muss ein sehr großes Chaos gewesen sein“ , sagte eine Sprecherin der Polizei in Itzehoe am Mittwochabend. Nach dem Angriff wurden etwa 70 Zeugen von der Polizei befragt und betreut. Wie ein dpa-Reporter am Mittwochabend berichtete, wurde der Zug Stunden nach der Tat vom Bahnhof in Brokstedt weggefahren.

Zugverkehr rollte am Mittwochabend wieder an

Der Bahnhof Brokstedt wurde für die Zeit der polizeilichen Maßnahmen gesperrt. Wegen des Großeinsatzes kam es zu Zugausfällen im Fernverkehr zwischen Hamburg und Kiel. Fast sechs Stunden nach der Messerattacke lief der normale Verkehr auf der Strecke am Abend langsam wieder an. Die Polizei habe den Bahnhof in Brokstedt kurz nach 20.30 Uhr wieder freigegeben, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn.

Schleswig-Holsteins Innenministerin Sütterlin-Waack erklärte, sie sei „in Gedanken bei den Familien und Angehörigen der Opfer“. Den Verletzten wünsche sie eine schnelle Genesung. Sie bedankte sich bei den Polizisten, die den Täter festnahmen, und bei allen Rettungskräften. Bundespolizei und Landespolizei würden bei der Aufklärung eng zusammenarbeiten. „Für mich steht fest, dass sich die entsetzliche Tat gegen jede Menschlichkeit richtet“, fügte sie hinzu. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther sprach von einer schrecklichen und sinnlosen Tat, die zwei Menschen das Leben gekostet habe. „Schleswig-Holstein trauert – das ist ein furchtbarer Tag“, sagte Günther in Kiel.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) schrieb auf Twitter: „All unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser furchtbaren Tat und ihren Familien“. Dies sei eine „erschütternde Nachricht“.

Ein vergleichbar schweres Gewaltverbrechen in einem Zug wie die tödliche Messerattacke am Mittwoch hat es laut Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (parteilos) in Schleswig-Holstein noch nicht gegeben. Madsen und der Geschäftsführer des Verkehrsverbundes Nah.SH, Arne Beck, erklärten, sie seien in Gedanken bei den Betroffenen und bei deren Angehörigen. Den Verletzten wünschten sie schnelle Genesung. „Jetzt hoffen wir auf eine zügige Aufklärung durch die Polizei“, sagte Beck laut Mitteilung.