„Ja, ich wurde angefasst“: Koch-Mehrin über sexuelle Übergriffe in der FDP

Immer mehr Frauen berichten von Sexismus im Politikbetrieb. Nun spricht die Ex-FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin über jahrelange Übergriffe in ihrer Partei.

Die ehemalige FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin.
Die ehemalige FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin.imago images/Mauersberger

Die frühere FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin hat sich fast zehn Jahre nach ihrem Ausscheiden aus der Politik mit einem Bericht über zahlreiche sexuelle Übergriffe, auch von Parteikollegen, an die Öffentlichkeit gewandt. „Ja, ich wurde angefasst. Einfach so“, sagte die ehemalige Europaabgeordnete dem Stern vom Donnerstag. „Da waren immer wieder Hände auf meinem Knie. Man hat meine Brust berührt, mir ungefragt sanfte Rückenmassagen verabreicht.“ In einem neuen Buch hat sie nun unter anderem ihre Erfahrungen mit Frauenfeindlichkeit und patriarchalen Machtstrukturen im Politikbetrieb verarbeitet.

„Ständig gab es Zoten und Anzüglichkeiten“, erzählte die 51-Jährige weiter. Sätze wie „Ich würde so gern mit Ihrer Eiskugel tauschen“ oder „Ich habe nichts gegen Frauenbewegungen. Hauptsache, Sie sind rhythmisch“, seien dabei regelmäßig gefallen. Bei einem abendlichen Beisammensein sei es zudem zu einer besonders abwertenden Bemerkung eines Parteikollegen gekommen. „Ihre Zukunft liegt zwischen ihren Beinen“, habe dieser gesagt. Sie selbst habe dabei in Hörweite gesessen.

„Ich habe geschwiegen und es ausgehalten“

Gegen den alltäglichen Sexismus ihrer Parteifreunde habe Koch-Mehrin sich damals allerdings nicht zur Wehr gesetzt, auch aus Angst, als „zickig“ zu gelten. „Ich habe geschwiegen und es ausgehalten. Höchstens mal mit den Augen gerollt“, erzählt die Ex-Europaabgeordnete. Vor allem habe sie als Frau in der Politik dazugehören wollen – und so damit begonnen, sich einiges „schönzureden“. Mit diesem Verhalten habe sie jedoch auch zum Fortbestehen des Systems beigetragen, sagt Koch-Mehrin selbst.

Begonnen hätten die sexuellen Übergriffe bereits zu ihrer Zeit als Praktikantin. In ihrem Buch „Jetzt, wo ich schon mal nicht tot bin“ schildert sie, wie ein Europaabgeordneter ihr in dessen Zimmer einst wortlos die Hand unter die Bluse geschoben habe. „Ich war wie erstarrt. Sagte dann irgendwann: ‚Was machen Sie denn da?‘ Er lachte dann verlegen und versuchte, die Sache herunterzuspielen“, berichtete Koch-Mehrin. Den Namen des Mannes wolle sie nicht nennen, auch gehe es ihr nicht um persönliche Bloßstellung. „Ich möchte erzählen, dass es mir passiert ist. So wie es vielen Frauen passiert.“

#MeToo in der Politik: Berichte häufen sich

Tatsächlich hatte es in den letzten Monaten vermehrt Berichte über sexuelle Übergriffe aus verschiedenen Parteien gegeben. So hatten sich unter dem Hashtag #LinkeMeToo erst im April eine ganze Reihe betroffener Frauen zum Fehlverhalten männlicher Parteikollegen geäußert. Auch der ehemalige Lebensgefährte der Linken-Bundesvorsitzenden Janine Wissler gehörte zu den Beschuldigten. „Ich kenne, ehrlich gesagt, keine Genossin, die nicht innerhalb der Partei schon sexistisch angegangen wurde“, sagte Linksjugend-Sprecherin Sarah Dubiel der Berliner Zeitung im Mai.

Die Ex-FDP-Politikerin Koch-Mehrin hatte von 2004 bis 2014 für die Liberalen im Europaparlament gesessen und galt lange als weibliches Gesicht ihrer Partei. 2011 kamen jedoch Plagiatsvorwürfe gegen sie auf, die letztlich zu ihrem Rücktritt als Vorsitzende der FDP-Delegation im Europaparlament und als Vizepräsidentin des Parlaments führten. Heute leitet Koch-Mehrin das von ihr gegründete Netzwerk Women Political Leaders, mit dem Frauen in politische Führungspositionen gebracht werden sollen.