Berlin - Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die seit Mitte der Woche die Deutschrap-Szene beschäftigt. Das Erotikmodel Nika Irani, 22, erhob auf Instagram schwere Vorwürfe gegen den Berliner Rapper Samra. Er soll sie sexuell missbraucht haben. Ihre Geschichte ermutigte viele junge Frauen, auch ihre Geschichte zu erzählen – und sie hat eine längst überfällige Diskussion angestoßen.

Der Vorfall soll sich laut Nika Irani bereits im Juli 2020 ereignet haben. Sie habe den Abend mit dem Rapper Samra in seinem Tonstudio in Brandenburg verbracht. Doch das Studio sei nur ein Vorwand gewesen, wie die 22-Jährige weiter sagt. Schon bald habe der Rapper die junge Frau in ein Schlafzimmer gedrängt und sexuell missbraucht. Nika Irani betont immer wieder, dass sie keine Anzeige bei der Polizei erstatten, sondern eine Entschuldigung von dem in Lichterfelde geborenen Rapper wolle.

„Ich werde Samra erst verzeihen, wenn er sich wirklich von Herzen bei mir und den anderen Frauen entschuldigt und uns erklärt, was sein Fehler war und was er das nächste Mal besser macht“, sagte die junge Frau. Auf ihr Statement bekam die 22-Jährige viele Zuschriften.

Visa Vie hofft, dass nun eine Diskussion beginnt

Am Donnerstag äußerte sich auch die bekannte Berliner Musik-Journalistin Visa Vie. „Ich bin unglaublich erleichtert, dass der Mut einer Betroffenen dazu geführt hat, dass wir jetzt endlich anfangen, öffentlich darüber zu sprechen“, schrieb sie auf Instagram und schrieb davon, dass auch sie bereits sexualisierte Gewalt in der Rap-Welt erfahren habe. Einer Welt, in der sie seit vielen Jahren zu Hause ist. Sie selbst begann als Rapperin und machte sich spätestens seit den späten Nullerjahren einen Namen als Musikjournalistin in der Rap-Branche.

In ihrem Posting beschrieb sie eine Branche, die derartige Übergriffe immer wieder möglich macht. Ein Umfeld, dass „die Täter nicht nur schützt, sondern den (Macht-)Missbrauch sogar aktiv unterstützt“. Demnach würden „junge Frauen, oder Minderjährige nach Konzerten ausgesucht, abgefüllt, in Hotelzimmer gebracht, danach weggeschickt“. Das sei in den letzten 20 Jahren ein „absolut selbstverständlicher Bestandteil des Tour- und Rapper-Lebens“ gewesen, schreibt sie. Und zwar eines, das „Labels, Management, Promo-Agenturen, Medien, Werbepartner“ toleriert hätten und trotzdem weiter mit den betreffenden Künstlern zusammenarbeiteten. Von dieser Kritik nimmt sich Visa Vie selbst nicht aus.

Visa Vie: Rap-Welt hat sich angefühlt wie ein rechtsfreier Raum

Es habe sich angefühlt, als sei die Rap-Welt ein rechtsfreier Raum, in dem nur die Gesetze der einflussreichsten Personen gelten, schreibt die Berlinerin weiter. Vor diesem Hintergrund lasse sich das „stille Aushalten der Betroffenen“ sehr gut nachvollziehen.

Wie treffend diese Vorwürfe sind, zeigt sich auch in diesem konkreten Fall. Samras Label Universal Music äußerte sich vorerst nicht zu den konkreten Anschuldigungen, sondern postete lediglich ein allgemeingültiges Statement und schaltete die Kommentarfunktion unter den Postings ab. Erst am Freitagabend kündigte das Label Konsequenzen an. In einem Statement heißt es, man werde die Zusammenarbeit mit dem Künstler zunächst bis zur endgültigen Aufklärung der Anschuldigungen ruhen lassen. Die Kommentarfunktion wurde zudem wieder eingeschaltet.

Samra selbst hatte sich zunächst überhaupt nicht zu den Vorwürfen geäußert. Am Freitagabend folgte dann ein Statement bei Instagram. Er wies den Vorwurf der Vergewaltigung zurück und kündigte rechtliche Schritte an. Nikita Irani, die eigentlich keine Anzeige erstatten wollte, sah sich daher gezwungen, ihrerseits Anzeige zu erstatten, wie sie in einer Instagram-Story am Freitagabend schrieb. „Die Wahrheit siegt immer“, kündigte sie an.

Derweil sieht sich Nika Irani neben einigem Zuspruch auch heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Viele Menschen werfen ihr vor, sich die Geschichte ausgedacht zu haben oder selbst schuld an dem Missbrauch zu sein. Das weist die 22-Jähirge jedoch scharf zurück.

Unterstützung bekommt Irani von zahlreichen Rapperinnen und Rappern, auch von Shirin David, einer der erfolgreichsten Frauen in der Szene. Sie zeigte auf, wie viele Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt seien und wie wenige Fälle von falschen Anschuldigungen es tatsächlich gebe. Und sie scheint mit den von Visa Vie skizzierten Gepflogenheiten in der Szene zu brechen: Das Veröffentlichungsdatum ihrer neuen Single wurde vom 25. Juni auf den 2. Juli verschoben. Ursprünglich hätte Samra in einer Zeile erwähnt werden sollen, doch die wird nun gestrichen.