ViersenWegen des gewaltsamen Tods eines Kindergartenkinds in Nordrhein-Westfalen muss sich eine Erzieherin ab Dienstag vor dem Landgericht Mönchengladbach verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft der Angeklagten Mord und Misshandlung von Schutzbefohlenen in neun Fällen vor. 

Ein Mädchen in der Kita hatte im April einen Atemstillstand erlitten, den laut Staatsanwaltschaft die Erzieherin verursacht haben soll. Die 25-Jährige soll dem Mädchen während des Mittagsschlafs den Brustkorb zusammengedrückt haben. Der Notarzt konnte das Kind zwar reanimieren, es starb aber Tage später in einem Krankenhaus.

Mehrfach auf gleiche Weise vorgegangen

Die Tat soll sich am letzten planmäßigen Arbeitstag der Erzieherin ereignet haben, die Kita hatte ihr zum Monatsende gekündigt. Die Frau arbeitete der Staatsanwaltschaft zufolge unter anderem in Kindertagesstätten in Krefeld, Kempen, Tönisvorst und Viersen. Seit August 2017 soll sie auch in diesen Kitas Kindern den Brustkorb bis hin zu Atemnot oder Atemstillstand zusammengedrückt haben. Den Tod der Kinder habe sie dabei „mindestens billigend in Kauf genommen“.

In einem Kindergarten in Krefeld drückte die Erzieherin laut Anklage viermal einem Jungen so stark den Brustkorb zusammen, dass dieser nicht mehr ansprechbar gewesen sei. In einem Fall habe er an Armen und Beinen gezuckt und aus dem Mund geblutet. In einer Kempener Einrichtung soll sie einen anderen Jungen in vier Fällen auf gleiche Weise misshandelt haben. Der Junge habe dadurch an Atemnot bis zum Atemstillstand und an Krämpfen gelitten.

„Für den Beruf der Erzieherin ungeeignet“

Nach ihren Taten habe sie Kollegen auf den Zustand der jeweiligen Kinder hingewiesen und Rettungsmaßnahmen veranlasst, hieß es. Bis auf das Mädchen in Viersen hätten deshalb alle Kinder überlebt. Verschiedene Vorgesetzte und Kollegen bezeichneten die 25-Jährige Angaben der Staatsanwaltschaft nach als „für den Beruf der Erzieherin ungeeignet“. Die Angeklagte habe sich Kindern gegenüber „emotions- und teilnahmslos“ verhalten. Eine psychiatrische Untersuchung der Erzieherin wurde veranlasst.

Der Viersener Fall hatte im Frühjahr bundesweit Entsetzen ausgelöst. Der nordrhein-westfälische Familienminister Joachim Stamp (FDP) kündigte nach Bekanntwerden des Falls eine „lückenlose und transparente Aufklärung“ an. Im Landtagsausschuss für Familie, Kinder und Jugend berichtete Lorenz Bahr, Leiter des Landesjugendamts, über eine Reihe von Notarzteinsätzen in Kitas, in denen die tatverdächtige Erzieherin im Einsatz war.

Frau bekam trotz Warnungen mehrere Jobs

Bereits 2018 sei den Verantwortlichen schnell klar gewesen, dass die junge Frau nicht allein mit Kindern sein könne. Es habe die Empfehlung gegeben, sie nicht zum Kolloquium – einem Teil der Prüfungen für Erzieherinnen und Erzieher in Ausbildung – zuzulassen, berichtete Bahr damals. Dennoch bekam die 25-Jährige in mehreren Kitas Arbeit.

In dem Prozess in Mönchengladbach treten die Mutter des getöteten Mädchens und zwei andere mutmaßlich geschädigte Kinder als Nebenkläger auf. Das Verfahren findet vor einem Schwurgericht statt und ist zunächst bis März 2021 angesetzt.