BerlinNach dem Knochenfund des seit mehr als zwei Monaten vermissten Monteurs Stefan T. aus Berlin-Lichtenberg gibt es Hinweise auf Kannibalismus. Das bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin, Martin Steltner. Demnach soll sich der 44-jährige Monteur über eine Dating-Plattform mit einem Mann aus Pankow verabredet haben.

Bei dem mutmaßlichen Sextreffen in der Nacht zum 6. September dieses Jahres soll Stefan T. getötet worden sein. Aus den fleischlosen Knochen des Opfers und gesicherten Beweismitteln auf einem Computer schlossen Ermittler, dass es sich dabei um einen Fall von Kannibalismus handeln könnte.

Es gehe um den Verdacht einer Tat zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, sagte Steltner am Freitag. Der mutmaßliche Täter habe im Internet zu Kannibalismus recherchiert und sich auch auf Dating-Plattformen bewegt, wo er auch zum Opfer Kontakt gehabt habe, so Steltner. In der Wohnung des Verdächtigen seien „einschlägige Werkzeuge“ wie etwa Messer und eine Knochensäge sowie Blutspuren gefunden worden. Von einem Einverständnis des Opfers gehen die Ermittler nicht aus: Es gebe keine Hinweise auf Einvernehmlichkeit, betonte Steltner.

Gegen den 41 Jahre alten Mann aus Pankow war am Donnerstagabend Haftbefehl wegen des Verdachts eines Sexualmordes aus niedrigen Beweggründen erlassen worden. Der Verdächtige kam in Untersuchungshaft, wo er bisher schweigt, heißt es aus Polizeikreisen. Bei dem mutmaßlichen Kannibalen handelt es sich nach Informationen der Berliner Zeitung um einen Lehrer. Er wurde am Mittwoch in seiner Wohnung festgenommen. Auf die Spur des Tatverdächtigen kamen die Mordermittler nach einem Fund von menschlichen Überresten an der Berliner Stadtgrenze.

Der Hund eines Spaziergängers war nach Angaben der Polizei am 8. November auf einem Feld im Pankower Ortsteil Blankenfelde auf die Knochen gestoßen. Untersuchungen der Rechtsmedizin ergaben, dass es sich dabei um die Überreste des vermissten Lichtenbergers Stefan T. handelte. Sogenannte Mantrailer-Hunde, also Personensuchhunde mit sehr feinem Geruchssinn, hätten die Mordermittler zur Wohnung des Tatverdächtigen geführt, hieß es. 

Das plötzliche Verschwinden von Stefan T. hatte den Ermittlern wochenlang Rätsel aufgegeben. Der Monteur im Hochleitungsbau hatte seine Wohngemeinschaft in Lichtenberg am 5. September um kurz vor Mitternacht verlassen. Sein Mitbewohner konnte den Ermittlern keine Hinweise auf seinen Aufenthaltsort geben. „Durch die Ermittlungen wurde bekannt, dass der Vermisste verschiedene Dating-Plattformen nutzte, um sich sowohl mit Frauen als auch mit Männern zu treffen“, sagte ein Polizeisprecher.

Über welche Dating-Plattform sich Täter und Opfer kennenlernten, teilte die Staatsanwaltschaft vor dem Hintergrund der laufen Ermittlungen nicht mit.

Erinnerungen an „Kannibalen von Rotenburg“ werden wach

Wenn sich der Kannibalismus-Verdacht bestätigten sollte, würden Erinnerungen an den Fall Rotenburg geweckt, der im Jahr 2001 weltweit für Schlagzeilen sorgte. Der Grund: Der Täter hatte damals ein Opfer getötet und Teile von ihm gegessen. Der Fall sorgte auch deshalb für massive Verstörung, weil das Opfer offenbar in das Verbrechen eingewilligt hatte.

Grundsätzlich lassen sich solche Taten und ihre Motive nicht verallgemeinern, sagte der Kriminalpsychologe Steffen Dauer, der auch selbst Straftäter begutachtet. „Fälle von Kannibalismus sind extrem selten, höchst individuell und mit einer schweren Psychopathologie, die im Hintergrund wirkt“, sagte er. „Es sind hochkomplexe Handlungsabläufe, die mit einer ganz individuellen psychischen Verarbeitung einhergehen, sodass es für solche Fälle keine Typologie gibt und auch nicht geben kann.“ Deshalb müssten auch die Handlungsmotive, die den Taten zugrunde liegen, für jeden einzelnen Fall gesondert betrachtet werden.

Beim späteren Prozess gegen den „Kannibalen von Rotenburg“ wurde bekannt, dass der Täter, ein heute 58 Jahre alter Computertechniker, bereits seit 1999 im Internet per Kontaktanzeigen nach Leuten gesucht hatte, die bereit waren, für ihn als Kannibalismus-Opfer zu fungieren. 2001 lernte er dann einen 43-jährigen Berliner Diplomingenieur kennen. Der Mann soll in der Berliner Prostitutionsszene kein Unbekannter gewesen sein, weil er dort angeblich den Wunsch äußerte, ihn solle jemand verstümmeln.

Dieser Mann besuchte dann den Täter in Rotenburg, im Haus des Täters war damaligen Erkenntnissen zufolge eine Art „Schlachtraum“ eingerichtet. Der Täter sagte später immer wieder aus, das Opfer sei bereit gewesen, sich die äußeren Teile des Penis abtrennen und vom Täter verspeisen zu lassen. Angeblich soll das Opfer auch zugestimmt haben, dass es getötet wird.

Die Staatsanwaltschaft ging bei der Tat von Mord aus und davon, dass der Täter an einer extremen Form von Masochismus leide und an Selbstvernichtungsfantasien. Der Verteidiger sprach nicht von Mord, sondern von Tötung auf Verlangen. Der Täter sei von einem zwanghaften Verlangen nach Menschenfleisch getrieben. Als wichtigstes Beweismittel gilt ein mehr als vier Stunden langes Video. Der Täter wurde 2004 zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt – wegen Totschlags.

Doch wie juristisch grenzwertig dieser Fall war, zeigte sich danach: Der Bundesgerichtshof hob das Urteil 2005 wieder auf, weil es eben doch Mord und kein Totschlag war, denn das Mordmerkmal „Befriedigung des Geschlechtstriebs“ sei erfüllt.

Im nachfolgenden Verfahren wurde der Täter zu einer lebenslangen Haft wegen Mordes und Störung der Totenruhe verurteilt. Der Richter sagte, der Täter haben sich den Akt des Schlachtens als eine Art Kino im Kopf speichern wollen, um sich mit den Erinnerungen daran sexuell zu befriedigen. Er sei psychisch krank, habe aber gewusst, was er tat. Deshalb kam er ins Gefängnis und nicht in eine Psychiatrie.

Die Verfassungsbeschwerde des Täters wurde vom obersten deutschen Gericht nicht zur Entscheidung angenommen.

Der Täter stellte 2017 den Antrag auf vorzeitige Haftentlassung. Doch er muss weiter in Haft bleiben, weil  „gegenwärtig keine günstige Prognose“ für seine Gefährlichkeit gestellt werden kann.

Auch dem im Januar 2012 tot in Mariendorf aufgefundenen Carsten S. waren seine außergewöhnlichen sexuellen Vorlieben zum Verhängnis geworden. Der 37-jährige Berliner war im Zuge von sadomasochistischen Sexualpraktiken in einer Wohnung in der Markgrafenstraße ermordet worden. Ein damals 43-Jähriger soll die Leiche nach der Tat geschändet haben. Polizisten entdeckten den abgetrennten Kopf des Bankangestellten gekocht in einem Topf. Weitere Gliedmaßen waren separat verstaut worden. Auch in diesem Fall hatten sich die beiden Männer vor der Tat zum Sex verabredet.