Eine Evakuierung von Zivilisten aus der Stadt Sjewerodonezk wird immer schwieriger. Ukrainische Behörden teilten mit, dass die Evakuierung aus der belagerten Stadt auch unter schwierigen Bedingungen weitergehe. Man nutze jeden „ruhigen“ Moment, wie Bürgermeister Oleksandr Strjuk der ukrainischen Nachrichtenseite Kyiv Independent sagte.

Eine Flucht in Richtung eines sicheren ukrainischen Gebietes sei möglich, jedoch schwierig. Die letzte der drei Brücken, die die Stadt mit der Nachbarstadt Lyssytschansk verbunden hatte, war am Dienstag vermutlich bei einem russischen Artillerieangriff zerstört worden.

Russland wirft Ukraine Bruch der Waffenruhe vor

Russland hat derweil der Ukraine vorgeworfen, die Evakuierung von Zivilisten aus der Chemiefabrik Asot verhindert zu haben. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte am Mittwoch, Russland habe einen Korridor geschaffen, um Zivilisten aus der Asot-Fabrik zu in Sicherheit zu bringen. Die „Kiewer Behörden“ hätten die „humanitäre Operation“ aber „auf zynische Weise zum Scheitern gebracht“.

Russland hatte am Dienstag einen für zwölf Stunden offenen humanitären Korridor angekündigt. Über ihn sollten im Asot-Werk verschanzte Zivilisten nach russischen Angaben die Möglichkeit erhalten, Sjewjerodonezk in Richtung der von den Russen kontrollierten ukrainischen Region Luhansk zu verlassen.

Das russische Verteidigungsministerium warf den Ukrainern vor, die Feuerpause aber „mehrfach“ gebrochen und die humanitäre Operation missbraucht, um eigene Soldaten in günstigere Stellungen zu verlegen. Die Behauptungen konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Bomben auf Asot-Chemiewerk: Hunderte Zivilisten in der Falle

Nach ukrainischen Angaben suchen derzeit hunderte Zivilisten Schutz im Asot-Chemiewerk. Die Fabrik werde ständig bombardiert. Beobachter fürchten ein zweites „Asowstal“. In dem belagerten Stahlwerk in Mariupol hatten sich ukrainische Truppen über Wochen verschanzt. Die letzten ukrainischen Kämpfer in Mariupol hatten sich zwischen dem 16. und 20. Mai ergeben. Auch ukrainische Zivilisten harrten lange in den unterirdischen Bunkeranlagen unter der Fabrik aus.

Russland hatte während seiner Belagerung von Sjewjerodonezk bereits mehrfach Feuerpausen angekündigt, um Fluchtkorridore für Zivilisten einzurichten. Die Feuerpausen wurden jedoch mehrfach gebrochen, Moskau und Kiew warfen einander jeweils Wortbruch vor.

In Sjewjerodonezk wird seit Wochen heftig gekämpft. Eine Eroberung der Stadt würde der russischen Armee den Weg in die wichtigsten Zentren des Donbass, die noch von ukrainischen Truppen gehalten werden, ebnen. Die Städte Slowjansk und Kramatorsk, die derzeitige Verwaltungshauptstadt der Nachbarregion Donezk, würden so zu akuten Zielen der russischen Offensive werden.