Berlin - Seit einigen Tagen sirrt und summt es in der Hauptstadt wie lange nicht mehr. Egal, ob auf dem Balkon, im Garten oder abends im Bett: Der berühmt-berüchtigte hohe Ton, der ins menschliche Ohr dringt, bevor man sich genervt ins Gesicht schlägt, um die Mücke vielleicht zu erwischen – dieser Ton ist gefühlt allgegenwärtig. Und tatsächlich helfen die aktuellen klimatischen Bedingungen den stechenden und blutsaugenden Insekten, sich explosionsartig zu vermehren.

Viel Regen und dazu viele heiße Tage sind ideal für Mücken, um sich fortzupflanzen. Schon eine Pfütze reicht aus, damit aus dort abgelegten Eiern in drei bis fünf Tagen die nächste Generation schlüpfen kann. Helge Kampen, Mückenforscher vom Friedrich-Löffler-Institut, sagte kürzlich, er sehe eine große Mückenplage auf Deutschland zukommen, auch wegen der sogenannten Überschwemmungsmücken. Diese legen ihre Eier in Wiesen in der Nähe von Flüssen ab und werden dann „regelrecht zur Plage. Dann schlüpfen die Mücken zu Milliarden gleichzeitig“, so Kampen.

Abgesehen von den lästigen und manchmal schmerzhaften Stichen können einheimische Stechmücken offenbar zunehmend gefährliche Krankheitserreger übertragen. „Hätten wir keine Corona-Pandemie, würden wir mehr über die Zunahme an Fällen des West-Nil-Fiebers reden“, sagt Doreen Werner, Biologin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg (Brandenburg).

Wie gefährlich ist das West-Nil-Fieber?

Erstmals 2019 hatte das Robert-Koch-Institut (RKI) fünf in Deutschland erfolgte Infektionen mit dem ursprünglich aus Afrika stammenden Virus diagnostiziert, bestätigt auch RKI-Epidemiologin Christina Frank. „Im vergangenen Jahr wurden bereits 20 Fälle des West-Nil-Fiebers gemeldet, darunter ein Todesfall. Wie schon 2019 waren Sachsen, Berlin und Sachsen-Anhalt betroffen.“

Die Dunkelziffer könnte weitaus höher sein, vermuten beide Wissenschaftlerinnen. Denn das Virus, das laut RKI durch Zugvögel eingeschleppt wurde, zeige bei Menschen teilweise gar keine oder nicht eindeutige Symptome. Diese könnten von leichter Übelkeit und Kopfschmerzen über Fieber bis hin zu neurologischen Schäden reichen, erläutert Werner. „Ich würde mich nicht wundern, wenn hinter den 20 Fällen etwa 1000 Infizierte stehen, von denen allerdings 80 Prozent von der Infektion nichts gemerkt haben dürften“, erklärt Frank.

Mückenstiche: Wie man sich schützen kann und was gegen das Jucken hilft

  • Warum juckt es wie verrückt? Das liegt Experten zufolge daran, dass Mücken beim Stechen etwas Speichel abgeben, dessen Proteine in unserem Körper bestimmte Abwehrzellen aktivieren. Diese Mastzellen setzen unter anderem den Botenstoff Histamin frei. Der wiederum dockt an Stellen im umliegenden Gewebe an – und reizt zudem die in der Haut liegenden Enden von Nervenfasern. Weitere Stoffe können beim Juckempfinden eine Rolle spielen.  
  • Wieso hat man das Bedürfnis, sich zu kratzen? Die spontane Reaktion auf das Gejucke: kratzen. Kratzen lindert tatsächlich, zumindest vorübergehend. Es verursacht Schmerz und damit einen Reiz, der wichtiger ist als der Juckreiz und deshalb schneller von Nervenfasern ans Gehirn weitergeleitet wird. Der Schmerzreiz unterdrückt also den Juckreiz. Hört man aber auf zu kratzen, lässt der Schmerz nach – und das Jucken beginnt meist erneut. Also kratzt man wieder, mitunter bis es blutet. Dann können Bakterien in die Wunde gelangen und für eine Entzündung sorgen. Deshalb raten Experten, lieber mit der flachen Hand auf den Stich zu klatschen. Oder mit den Fingerkuppen zu reiben. Diese Reize wirken allerdings auch eher entzündungsfördernd als -hemmend.
  • Lässt sich der Juckreiz austricksen? Ein Team der Universität Lübeck hat untersucht, ob man das Gehirn austricksen kann. Die Forscher ließen Menschen statt einer juckenden Stelle auf dem einen Arm die entsprechende Stelle auf dem anderen Arm kratzen – vor einem Spiegel. Das funktionierte. Denn wenn man vor dem Spiegel steht, hat das Gehirn einen Konflikt in der Wahrnehmung, den es auflösen muss. Deshalb projiziere es das Gefühl des Kratzens auf die juckende Stelle, die nicht gekratzt wurde, schrieb das Team 2013 im Fachblatt „PLOS One“.
  • Welche Mittel gibt es gegen den Juckreiz? Kühlen hilft. Auch hier macht man sich die Funktionsweise der Nerven zunutze: Kühlen aktiviert die Kälterezeptoren der Haut, und andere Signale, hier der Juckreiz, werden abgeschwächt. Hitze kann ebenso helfen. Mit einem batteriebetriebenen Stift wird der Stich für wenige Sekunden auf etwa 50 Grad Celsius erwärmt. Man habe früher angenommen, die Inhaltsstoffe des Mückenspeichels würden so zerstört – doch das stimme wohl nicht, schreibt der Dermatologe Marcus Maurer von der Charité in einem Artikel der Europäischen Stiftung für Allergieforschung. Bekannt sei aber, dass die Nerven in der Haut sensibel auf Überwärmung reagierten und die Reizweiterleitung abschalteten. So werde das Jucksignal nicht mehr übermittelt. Auch Salben oder Gels mit einem Antihistaminikum können demnach Juckreiz lindern. Sie mindern die Wirkung des Histamins.

Hilft es wirklich, abends das Licht auszumachen?

Zum Schutz gegen Mücken empfiehlt die Stiftung Warentest, abends – wenn die Mücken besonders aktiv sind – lange, dicht gewebte Kleidung zu tragen. Fliegengitter vor dem Fenster sowie Moskitonetze über dem Bett halten die kleinen Insekten ebenfalls ab. 

Von Mücken-Abwehrmitteln zum Auftragen auf die Haut haben laut der Stiftung jene mit den Wirkstoffen Diethyltoluamid (DEET), Icaridin oder Para-Menthan-3,8-diol (PMD) in Produkttests gut abgeschnitten. Nicht überzeugend seien Mittel auf Basis ätherischer Öle gewesen.

Oft gehört, aber leider falsch: Der Tipp, dass man abends im Schlafzimmer das Licht auslassen sollte, weil das Mücken anziehe. Tatsächlich sehen Mücken schlecht und werden eher von Gerüchen wie Parfüm und dem Kohlenstoffdioxid in der Ausatemluft angelockt.