Nach dem größten Häftlingsaustausch seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine erhebt Kiew erneut schwere Vorwürfe gegen Moskau. So würden zahlreiche der von Russland zurückgegebenen Gefangenen nach Angaben der Ukrainer Folterspuren aufweisen. „Viele von ihnen wurden brutal gefoltert“, sagte der ukrainische Geheimdienstchef Kyrylo Budanow am Donnerstag auf einer Pressekonferenz. Weitere Details verriet er nicht.

Es gebe auch Gefangene, deren körperlicher Zustand „mehr oder weniger normal ist – abgesehen von chronischer Unterernährung durch die schlechten Haftbedingungen“, so Budanow weiter. Laut dem ukrainischen Innenminister Denys Monastyrsky müssten sich benötigen aber alle eingetauschten Ukrainer psychologische Behandlung. Der Gefangenenaustausch war Donnerstagnacht verkündet worden und zunächst vor allem auf Erleichterung getroffen.

Selensyj: Folter in besetzten Gebieten „weit verbreitete Praxis“

Bei dem Austausch, an dem auch Geheimdienstchef Budanow beteiligt war, wurden 250 Ukrainer und zehn Menschen anderer Nationalitäten in die Ukraine gebracht. Sie waren in verschiedenen Einrichtungen in den von russischen Truppen besetzten ukrainischen Gebieten sowie in Russland gefangen gehalten worden. Unter ihnen waren auch hochrangige Kommandeure der Kämpfer aus dem Asow-Stahlwerk in Mariupol.

Nach Russland wurden im Zuge des Austauschs 55 Militärs zurückgeschickt. Zudem wurde der ukrainische Multimillionär Viktor Medwedtschuk nach Russland gebracht. Er gilt als enger Vertrauter von Kreml-Chef Wladimir Putin und wurde unter anderem als dessen „Mann in der Ukraine“ betitelt.

Die ukrainische Führung in Kiew hatte Russland wiederholt Vorgeworfen, Gefangene Soldaten gefoltert zu haben. Nach der Rückeroberung des Gebiets Charkiw im Osten des Landes sollen zahlreiche Beweise dafür gefunden worden sein. „Folter war eine weit verbreitete Praxis in dem besetzten Gebiet“, hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag in einer Videobotschaft mitgeteilt. In der ostukrainischen Stadt Isjum sei nach der Flucht russischer Truppen zudem ein „Massengrab“ gefunden worden.