ParisNach dem Mord an einem Lehrer hat die Polizei in Frankreich laut Innenminister Gérald Darmanin Einsätze gegen Dutzende Islamisten durchgeführt. Nach Angaben von Justizvertretern waren am Montagnachmittag insgesamt 15 Verdächtige in Gewahrsam, darunter vier Schüler.

Die Islamisten stünden „nicht unbedingt in Verbindung“ mit dem Mord an dem Lehrer, sagte Darmanin dem Radiosender Europe 1. Die Einsätze würden vielmehr darauf abzielen, „eine Botschaft zu vermitteln: nicht eine Minute Aufschub für die Feinde der Republik“, so der Politiker. Ermittlerkreisen zufolge soll es sich um Verdächtige handeln, die wegen radikaler Predigten und Hassbotschaften im Netz im Fokus der Geheimdienste stehen. Gegen mehr als 80 Menschen seien zudem nach Behauptungen, „der Lehrer habe es darauf angelegt“, Ermittlungen eingeleitet worden, sagte Darmanin.

Beratungen zur Sicherheit an Schulen geplant

Der islamistische Anschlag auf den 47-jährigen Geschichtslehrer Samuel Paty hatte in ganz Frankreich Entsetzen ausgelöst. Am Sonntag gingen Zehntausende Franzosen in Paris und weiteren Städten auf die Straße, um für Meinungsfreiheit zu demonstrieren und ihre Solidarität auszudrücken. Präsident Emmanuel Macron berief am Sonntagabend den Verteidigungsrat ein. „Die Angst wird die Seiten wechseln“, sagte er laut Elysée-Palast., und: „Islamisten dürfen in unserem Land nicht ruhig schlafen können.“ Macron kündigte zudem einen Aktionsplan an „gegen Strukturen, Vereinigungen oder Menschen, die radikalisierten Kreisen nahe stehen“.

Darmanin erklärte, mehr als 50 Verbände würden „die ganze Woche über Besuch von staatlichen Stellen bekommen“, mehreren drohe die Auflösung. Dabei fasste der Innenminister insbesondere das sogenannte Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) ins Auge. Es gebe Hinweise darauf, dass es sich dabei um „einen Feind der Republik“ handele. Premierminister Jean Castex kündigte für Dienstag Beratungen „zur Sicherheit von Lehrern und anderem Personal an Schulen“ an.

Paty war am Freitag in der Nähe seiner Schule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine von einem 18-jährigen Russen tschetschenischer Herkunft enthauptet worden. Er hatte mit seinen Schülern das Thema Meinungsfreiheit im Unterricht behandelt und dabei Mohammed-Karikaturen verwendet. Der Angreifer wurde nach der Tat von der Polizei erschossen. Im Zusammenhang mit dem Anschlag waren am Montagnachmittag insgesamt 15 Verdächtige in Polizeigewahrsam. Darunter sind auch der Vater einer Schülerin und ein bekannter militanter Islamist, die Darmanin zufolge eine Fatwa gegen den 47-Jährigen ausgesprochen hatten.

Die Fatwa ist im Islam ein religiöses Rechtsgutachten. Weltweit bekannt wurde der Begriff, als der iranische Ajatollah Khomeini 1989 in einer Fatwa zur Tötung des britisch-indischen Schriftstellers Salman Rushdie wegen Gotteslästerung aufrief. Ein weiterer Verdächtiger war Justizvertretern zufolge schon einmal wegen „Terrorakten“ verurteilt worden. Er habe gestanden, mit Patys Mörder einige Zeit vor der Tat in Verbindung gewesen zu sein. Den Ermittlern zufolge hatten zudem „ein oder mehrere Schüler“ dem Mörder geholfen, Paty zu finden - „mutmaßlich gegen Bezahlung“.

Bundesregierung äußert sich

Die Ermittler versuchen nun, herauszufinden, ob der Täter aus eigenem Entschluss heraus handelte oder ob er „gesteuert“ wurde. Der Lehrer hatte nach Angaben seiner Schule muslimischen Kindern die Möglichkeit gegeben, den Klassenraum zu verlassen, bevor er die Karikaturen zeigte, da er ihre Gefühle nicht verletzen wollte. Marine Le Pen, Parteichefin des rechtspopulistischen Rassemblement National (RN), forderte am Montag „Kriegsgesetzgebung“ zur Bekämpfung des Islamismus und „ein sofortiges Moratorium für Einwanderung und Einbürgerung“.

Die Enthauptung des Lehrers sorgte auch in Deutschland für Entsetzen. Die Bundesregierung stehe an der Seite der Franzosen im Einsatz gegen islamistische Gewalt und „Hass in jeder Form“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Das Europaparlament eröffnete seine virtuelle Plenumssitzung mit einer Schweigeminute zum Gedenken an den Ermordeten.