Berlin - Die Mutter Gabrielle Lebreton sonnt sich oben ohne an einer Kinderplansche in Berlin und erhält von der Polizei einen Platzverweis. Nach dem umstrittenen Einsatz der Beamten, über den auch die Berliner Zeitung mehrfach berichtete, haben sich am Sonnabendvormittag etwa 300 Menschen zu einer Solidaritätsdemo am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg versammelt. Die meisten sind oben ohne und zeigen nackte Brüste. Die Demonstranten fordern Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wo ein Mann mit freiem Oberkörper durch die Gegend laufe, sollen Frauen das ebenso dürfen, so die Forderung.  

Umgang mit Nacktheit muss normal sein 

Kurz bevor sich der bunte Zug in Bewegung setzt, schallt Aretha Franklins „Respect“ aus den Boxen des Soundbikes. Und um nichts anderes geht es den hier Versammelten. Die Menschen haben ihre Oberkörper geschmückt, tragen Federboas, aufgemalte Sprüche. Der Umgang mit Nacktheit müsse im Jahr 21021 normal sei, sagt Rosa, eine der Organisatorinnen. Man könne für viel wichtigere Dinge auf die Straßen gehen. Auf ihrem Lastenrad hat sie ein Schild befestigt: „Burning Bras since 1968“, steht darauf. So lange schon – und sogar länger – kämpfen Frauen um Gleichberechtigung. 

Markus Wächter/Berliner Zeitung
Der Anblick von weiblichen Brüsten in der Öffentlichkeit soll genauso normal sein wie der einer entblößten männlichen Brust, fordern die Demonstranten. 

Organisiert wird die Demo von der sogenannten Sektion die wilden Möpse – hedonistische Internationale. In einem Aufruf heißt es: „Für das Recht auf freien Oberkörper – für alle! Gegen die Diskriminierung von Körpern aufgrund von Geschlecht oder sonst was!!!“ Zudem wünschen sich die Organisatoren des Protestes, der auf Fahrrädern stattfindet, einen bestimmten Dresscode: „Oben ohne! Federboas, Lametta, Perücken, Bemalung – wie ihr euch wohlfühlt!“ Auch Männer sind laut Organisatoren willkommen. Und tatsächlich haben sich viele mit BHs, Bikinis und Tops eingefunden, um ihre Solidarität zu zeigen. Unter dem Hashtag #GleicheBrustfuerAlle twittern die Demonstranten.

Beim Start um 12 Uhr am Mariannenplatz wird ein Grußwort von der betroffenen Mutter Gabrielle Lebreton abgespielt, die leider nicht an der Demo teilnehmen kann. Lebreton bedankt sich bei den Anwesenden für ihre Solidarität. Sie selber wolle aber nicht in der ersten Reihe stehen. Sie hoffe, so Lebreton, dass heute weder Polizei noch sexistische Freiheitsgegner etwas zu sagen haben. Die Menge applaudiert und klingelt Beifall mit Fahrradklingeln. Viele andere Menschen würden nicht so gehört wie sie, sagt Lebreton weiter. Sie wolle ihr Privileg nutzen, um für Gleichberechtigung für alle zu kämpfen. 

Rund um den Feuerwehrbrunnen auf dem Mariannenplatz herrscht eine ausgelassene, entspannte Stimmung. Paare cremen sich gegenseitig den Rücken ein, die paar männlichen Schaulustigen auf den Bänken am Rand ignorieren die Demonstranten. Jett aus den Niederlanden und Tim aus Belgien mussten nicht lange überlegen, ob sie an der Raddemo teilnehmen. „Wir hätten es nie für möglich gehalten, dass in einer Stadt wie Berlin nackte Brüste für so eine Aufregung sorgen“, sagen sie. Gegen 13 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung und fährt in Richtung Tempelhofer Feld. 

Den Einsatz der Polizei leitet heute eine Frau – ein Zufall, wie die Chefin erklärt. Auch die Beamten, die den Aufzug sichern, viele davon Männer, wurden zugeteilt und konnten sich nicht freiwillig melden. „Manchmal muss man Glück haben“, sagt einer der Polizisten und meint sicher den ruhigen Einsatz. 

Markus Wächter/Berliner Zeitung
Rosa, eine der Organisatorinnen der Demo. „Berlin ist eine Stadt, in der so eine Diskriminierung kein Thema sein sollte“, sagt sie.

Organisatorin Rosa sagt der Berliner Zeitung klar und deutlich: „Frauen müssen im Jahr 2021 ihre Brüste bedecken, doch oversexed Werbung ist immer noch okay. Der Umgang mit Nacktheit muss in einer Stadt wie Berlin normal sein.“ Es dürfe nicht Auslegungssache eines Polizisten oder eines Sicherheitsdienstes sein, ob sich jemand von nackten Brüsten gestört fühlt, so die Demonstrantin. „Wir wollen, dass nie wieder ein Mensch, der in Berlin seine Nippel zeigt, wegen des Paragrafen 118 des Ordnungswidrigkeitsgesetzes belangt wird“, fordern die Organisatoren in ihrer Ansprache. „Traut euch, widerständig zu sein.“